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| Fr, 08.01.2010 09:42

2010: Wendemarke oder tiefer in die Depression?

Die Deutschen blicken skeptisch in das Jahr 2010 und auch in die weitere Zukunft. Eine große Mehrheit hat nach dem Krisenjahr 2008/2009 ihr Vertrauen in zahlreiche Institutionen, Entscheider und Verantwortungsträger verloren. Inzwischen müssen ungefähr 70 Prozent der Bevölkerung als weitgehend resigniert eingeschätzt werden. Beinahe jeder Zweite wünscht sich dabei mittlerweile einen "Systemwechsel" in Bezug auf repräsentative Demokratie oder Marktwirtschaft.


Dies ist das Ergebnis einer umfassend angelegten Studie der Bertelsmann Stiftung über das Vertrauen der deutschen Bevölkerung zum Ende des Jahres, die jetzt der Öffentlichkeit vorgestellt wurde. Danach ist der breitflächige Vertrauensverlust weniger eine direkte Folge der aktuellen Wirtschafts- und Finanzkrise, sondern setzte bereits vor Jahrzehnten als Folge der Globalisierung ein. Kurzfristiges Krisenmanagement zeigt sich danach wenig geeignet, das verlorene Vertrauen zu festigen. Als neue Vertrauensanker werden am ehesten eine Wende zu umfassender Nachhaltigkeit, vielfältiger Beteiligung an Entscheidungsprozessen sowie Förderung von Bildung und Familie gesehen. Unter der Oberfläche, so die Studienleiter, deuten sich darüber hinaus möglicherweise neue soziale Bewegungen an, die die gesellschaftliche Einflussnahme und politisch unabhängige Mitsprache neu organisieren werden.

Im Fazit der Erhebung zeigten 70 Prozent der qualitativ Befragten an, dass sie kaum noch Vertrauen in die Entscheidungsträger aus Politik und Wirtschaft oder in die sozialen Sicherungssysteme haben. Sie sind resigniert, sehen die aktuelle Situation sehr kritisch und haben nur wenig Vertrauen in die weitere Entwicklung der Lebensbedingungen in Deutschland. Als Ursache für diesen Vertrauensverlust werden zunächst eindeutig die jüngeren Entwicklungen des internationalen Finanzmarktes und der Politik in Deutschland benannt. Mängel werden besonders auch im deutschen Sozial- und Bildungssystem gesehen. 73 Prozent sind zudem ohne Hoffnungen auf eine nachhaltige Verbesserung der Situation auf den Finanzmärkten. Erwartet wird lediglich, dass sich die Situation in den kommenden Jahren allenfalls normalisiert.

Eines der zentralen Ergebnisse ist, dass die deutsche Vertrauenskrise kein aktueller oder kurzfristiger Trend ist. Befragt nach der Einschätzung der Lebensbedingungen in den 60er und 70er Jahren wurden vor allem wertschätzende Formen der Zusammenarbeit, "Wohlstand durch Wachstum" sowie Kompetenz und Glaubwürdigkeit der damaligen Entscheidungsträger hervorgehoben. Mit den 90er Jahren verbinden die Befragten zunehmend stärker die Förderung von Leistungseliten und eine vom Bürger entkoppelte Interessenvertretung. In dieser Zeit sei soziale Ungerechtigkeit zunehmend als eine Art "Kollateralschaden" der gegenwärtigen Verhältnisse und der Wachstumsstrategie hingenommen worden. Die Grundursache dafür liegt in den Begleiterscheinungen und Folgen der Globalisierung und lange vor dem Platzen der Internet-Blase oder der aktuellen Wirtschaftskrise. Mit der Zeit um die Jahrtausendwende verbinden die Befragten auch zunehmend das bewusste Abgeben falscher Versprechungen, den profitgierigen Raubbau an Mensch und Umwelt und die Förderung von ungezügeltem Egoismus. Diese Entwicklung sehen die Menschen derzeit auf einem Tiefpunkt, für die kommenden Jahre erwarten sie einen leichten Rückgang und die Rückbesinnung am ehesten auf eine garantierte Grundsicherung für alle Menschen und wertschätzende Formen der Zusammenarbeit. Hinter der Einschätzung dessen, was in Deutschland grundsätzlich möglich wäre, und erst recht hinter dem persönlichen Idealbild der Befragten bleiben diese Erwartungen aber weit zurück.

In der Detailanalyse zeigen sich vier Gruppen mit sehr unterschiedlichem Profil. Danach haben 31 Prozent ein entgegen dem gesellschaftlichen Gesamttrend relativ hohes Vertrauen und hoffen auf eine Verbesserung des bestehenden Systems. Eine zweite Gruppe von etwa 24 Prozent erklärt sich zwar mit dem bestehenden System grundsätzlich einverstanden, fordert aber einen tiefgreifenden Zielwechsel und eine Neudefinition in zahlreichen Bereichen. Eine dritte Gruppe von ungefähr 20 Prozent der Befragten verlangt als Konsequenz einen "Systemwechsel" in Bezug auf Marktwirtschaft und Demokratie mit mehr Beteiligungsmöglichkeiten für die Bürger. Und 25 Prozent der Befragten erklären, dass sie ihr Vertrauen in "das System" grundsätzlich verloren haben. Sie glauben nicht, dass es überhaupt eine Lösung für ihr Vertrauensproblem gibt.

Auch das Vertrauen in Produkte und Institutionen der Finanzwelt (Aktien, Investmentfonds, Kredite, Banken) wird extrem niedrig bewertet. Sparkassen und Volks- und Raiffeisenbanken wird zwar im Vergleich deutlich stärker vertraut, doch Banken insgesamt werden stark mit Profitgier und Entkoppelung von den Interessen der Menschen assoziiert.

Keine der Unternehmensformen "Familienunternehmen", "mittelständische Unternehmen" und "multinationale Konzerne" wird mit langfristiger Zukunftssicherung verbunden. Dennoch schneiden Familienunternehmen durchweg positiv ab. Ihnen werden Ehrlichkeit, Seriosität und Glaubwürdigkeit beigemessen. Für die mittelständischen Unternehmen zeigt sich ein ähnliches Bild, nur in etwas schwächerer Ausprägung. Ganz anders multinationale Konzerne: Diese werden als lobbyistisch, gierig und wirklichkeitsfern wahrgenommen.

Auch die Maßnahmen zur Überwindung der Krise ließ danach die Deutschen in den vergangenen Monaten nur wenig neues Vertrauen schöpfen. Danach setzen die Befragten ihre Hoffnung in der Krise auf eine neue Nachhaltigkeit, die Förderung von Bildung und den Erhalt des sozialen Sicherungssystems. Ausschließlich positiv bewertet wurden lediglich die Maßnahmen zur Erhöhung des Kinder- bzw. Elterngeldes, die Förderung regenerativer Energien und Investitionen in Bildung. Gespalten waren die Befragten in ihrer Einschätzung von festgeschriebenen Mindestlöhnen, Staatsgarantien für Spareinlagen, Steuersenkungsprogrammen oder Privatisierungen. Überwiegend negativ bewertet werden die Rettung einzelner Unternehmen, die Abwrackprämie, Verstaatlichungen oder Bankenrettungspakete.

In der Auswertung der Ergebnisse kommt die Bertelsmann Stiftung zu sechs zentralen Einflussfaktoren für die positive Vertrauensbildung und zur Erhöhung von Zukunftsoptimismus in Deutschland. Dies sind: Investitionen in ein zeitgemäßes Bildungswesen, Verbesserung der Situation von Eltern und Familien, Förderung von Mittelstand und Familienunternehmen, Entwicklung und Ausbau alternativer Energietechniken, Stärkung der gesellschaftlichen Wirkung von Bürgerinitiativen und ehrenamtlichen Engagements und nicht zuletzt die Intensivierung von Partizipationsprozessen in der Politik

Als eine weitere Erkenntnis aus dieser Studie verweist die Bertelsmann Stiftung auf neue soziale Bewegungen, die sich möglicherweise andeuten. Dr. Jan Arpe, Projektleiter der Bertelsmann Stiftung: "Dass die große Mehrheit der Menschen die aktuelle Gesellschaftslage sehr negativ bewertet und dazu noch pessimistisch in die Zukunft schaut, stimmt mich sehr nachdenklich. Wenn dann noch jeder Vierte ernsthaft an der Wirksamkeit demokratischer Prinzipien zweifelt, besteht die große Gefahr, dass sich der Trend zu politischer Abstinenz und Wahlverweigerung fortsetzt. Auch der politische Populismus dürfte mit der weit verbreiteten Unzufriedenheit in Deutschland ein gut gedüngtes Feld vorfinden." Gleichzeitig verweist Prof. Dr. Peter Kruse, Leiter der Studie bei Nextpractice auf ein bislang wenig beachtetes Phänomen: "Unter der Oberfläche von Resignation und Frustration entwickelt sich auf der Werteebene ein enormes Bereitschaftspotenzial für Partizipation. Unabhängig von den etablierten Parteien, den Massenmedien und professionellen Plattformen bahnt sich dieser Wille zur Beteiligung bereits machtvoll seinen Weg." Kruse schätzt dieses Potenzial auf 20 bis 30 Prozent - und damit ähnlich groß und mächtig wie die Basis der Ökologiebewegung in ihren Anfängen.

Als Konsequenz aus der Studie fordert Dr. Gunter Thielen, Vorstandsvorsitzender der Bertelsmann Stiftung: "Wenn das Vertrauen wieder hergestellt werden soll, muss auf all diesen Ebenen angesetzt werden. Es geht um die überfällige Inkraftsetzung wirksamer Kontrollinstrumente auf den Finanzmärkten, um die transparente Verankerung längerfristiger Unternehmensziele, um die Schaffung eines globalen Regelwerkes für globale Märkte. Es müssen wirksame Anreize zu nachhaltigem Wirtschaften geschaffen werden, und nicht zuletzt geht es um eine Neubestimmung der Sozialen Marktwirtschaft in einer globalisierten Welt mit endlichem Wachstum."

(Bertelsmann Stiftung)