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Wirtschaft | Di, 25.01.2011 07:42

Aufschwung im Mittelstand hält an: Unternehmen wollen mehr Mitarbeiter einstellen und stärker investieren

Der deutsche Mittelstand ist weiter im Aufwind und setzt auf einen anhaltenden Wirtschaftsboom: 92 Prozent der Mittelständler sind mit der aktuellen Geschäftslage zufrieden, jeder zweite bezeichnet sie sogar als uneingeschränkt gut. Und 52 Prozent der Unternehmer erwarten sogar eine weitere Verbesserung der eigenen Geschäftslage. Angesichts der guten Konjunkturaussichten will der Mittelstand mehr Mitarbeiter einstellen. Dabei stoßen die Unternehmen aber zunehmend auf Probleme: drei von vier mittelständischen Unternehmen haben Schwierigkeiten, neue und ausreichend qualifizierte Mitarbeiter zu finden. Und jeder zweite Mittelständler fürchtet Umsatzeinbußen aufgrund des Mangels an Top-Fachkräften. Insgesamt drohen dem Mittelstand Umsatzeinbußen von 30 Milliarden Euro jährlich. Das sind Ergebnisse des „Mittelstandsbarometers 2011“ der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft Ernst & Young. Die Studie wird halbjährlich durchgeführt, ihr liegt eine Umfrage unter 3.000 mittelständischen Unternehmen in Deutschland zugrunde, die im Dezember 2010 durchgeführt wurde.


Die deutschen Mittelständler sind derzeit so zufrieden und zuversichtlich wie seit dem Boom-Jahr 2007 nicht mehr: Der Anteil der Befragten, die eine weitere Verbesserung ihrer Geschäftslage erwarten, steigt im Vergleich zu Juli 2010 von 43 auf 52 Prozent. Eine Verschlechterung der eigenen Situation erwarten nach wie vor nur fünf Prozent. Und auch die Konjunkturerwartungen werden immer optimistischer: 61 Prozent der Unternehmer erwarten eine Verbesserung der Wirtschaftslage in Deutschland (Juli 2010: 59 Prozent) – einen Abschwung bezeichnen nur noch sechs Prozent der Befragten als wahrscheinlich.

„Die Wirtschaft ist mit viel Schwung ins neue Jahr gestartet, der Aufschwung in Deutschland hält an“, stellt Peter Englisch, Leiter Mittelstand und Partner bei Ernst & Young, fest. „Die deutsche Wirtschaft gibt sich unbeeindruckt von der europäischen Schuldenkrise und den wirtschaftlichen Problemen einiger Nachbarländer“, beobachtet Englisch. „Das Wachstum in den Schwellenländern und zunehmend auch die starke innerdeutsche Nachfrage gleichen diese Schwäche bislang mehr als aus“, kommentiert Englisch. „Der deutsche Mittelstand wird damit zum Treiber der wirtschaftlichen Erholung in Deutschland und Europa“.

Jobmotor Mittelstand läuft wieder rund – deutlicher Abbau der Arbeitslosigkeit in Sicht
Auftragseingänge und Auslastung steigen, die Zeichen stehen weiter auf Wachstum – das führt auch zu anhaltend positiven Impulsen für den Arbeitsmarkt. Nur noch sechs Prozent der Unternehmen wollen im kommenden Halbjahr die Zahl der Beschäftigten reduzieren, der Anteil der Unternehmen, die zusätzliche Mitarbeiter einstellen wollen, liegt hingegen inzwischen bei 27 Prozent. Per Saldo ist daher mit einem deutlichen Anstieg der Beschäftigtenzahl im deutschen Mittelstand zu rechnen, der sogar stärker ausfällt, als im Boomjahr 2007. „Der Jobmotor Mittelstand läuft wieder rund“, beobachtet Englisch. „Die Unternehmen haben großes Vertrauen in die Stärke der deutschen Wirtschaft und wollen in den kommenden Monaten weiter zahlreiche neue Jobs schaffen. Das deutsche Jobwunder hält also unvermindert an“.
Immer mehr Unternehmen müssen Aufträge ablehnen, weil ihnen Personal fehlt. So befürchtet die Hälfte der befragten mittelständischen Unternehmen (51 Prozent), dass ein Mangel an Top-Fachkräften zu Umsatzeinbußen für das eigene Unternehmen führen wird – 15 Prozent der befragten Unternehmen prognostizieren sogar erhebliche Einbußen von mehr als fünf Prozent. Der deutschen Wirtschaft entsteht durch nicht realisierte Umsätze ein erheblicher Schaden: Auf Basis der Befragungsergebnisse lässt sich für den gesamten deutschen Mittelstand (Unternehmen mit Umsätzen von 5 bis 250 Millionen Euro) hochrechnen, dass es zu Einnahmeausfällen bzw. nicht realisierten Umsätzen in Höhe von 30 Milliarden Euro im Jahr kommt.

Besonders stark betroffen ist der Mittelstand in Nordrhein-Westfalen mit einem entgangenen Umsatz von 8,4 Milliarden Euro, gefolgt von Bayern (6,6 Milliarden Euro) und Baden-Württemberg (3,5 Milliarden Euro).

„Der Schaden, der durch den Fachkräftemangel verursacht wird, ist bereits heute beträchtlich“, kommentiert Englisch. „Er wird aber in Zukunft noch deutlich steigen und sich zu einem erheblichen Problem für die deutsche Wirtschaft auswachsen“. Der deutsche Mittelstand sei besonders betroffen, so Englisch: „Gerade die mittelständischen Unternehmen drohen im verschärften Wettbewerb um ein knapper werdendes Arbeitskräftepotenzial ins Hintertreffen zu geraten“. Große Unternehmen hätten bessere Voraussetzungen, über eine professionelle Personalentwicklung geeignete Arbeitskräfte aus den eigenen Reihen zu rekrutieren oder neue anzuwerben: „In großen Konzernen gibt es Spezialisten in den Personalabteilungen, die sich um die Personalsuche kümmern – in kleinen Betrieben macht das der Chef häufig nebenher mit“, stellt Englisch fest. Zum anderen könnten Großunternehmen durch ihre höhere Bekanntheit leichter Mitarbeiter für offene Stellen gewinnen. „Hochqualifizierte Absolventen zieht es vor allem zu den namhaften Top-Konzernen – die Mittelständler haben da immer öfter das Nachsehen“, beobachtet Englisch. „Kleinere Unternehmen werden es zukünftig immer schwerer haben, sich gegen die großen Konzerne zu behaupten und Top-Fachkräfte für sich zu gewinnen“.
Nach Englisch‘ Meinung unterschätzen viele Unternehmer das Problem noch: „Der aktuelle Mangel an Fachkräften ist nur ein kleiner Vorgeschmack auf das, was wir in zehn Jahren erleben werden. Die meisten Mittelständler ahnen noch gar nicht, was da auf sie zukommen wird – und viele haben noch keinen Plan, wie sie dem Problem begegnen könnten“. Dabei sei es wichtig, schnellstmöglich Strategien gegen den Mangel an qualifizierten Mitarbeitern zu entwickeln. „Die Unternehmen müssen schleunigst gegensteuern. Es reicht nicht, über fehlende Fachkräfte zu klagen und nach der Politik zu rufen“, so Englisch. „Mittelständler, die heute kein Konzept haben, wie sie ihren zukünftigen Bedarf an Fachkräften decken können, drohen mittelfristig ins Abseits zu geraten“.

Um rechtzeitig gegenzusteuern, sei Kreativität gefragt, so Englisch: „Ob stärkere innerbetriebliche Weiterbildung, Kooperationen mit Hochschulen oder anderen Mittelständlern aus der Region, flexible Arbeitszeiten, Stärkung der eigenen Attraktivität als Arbeitgeber durch die Einrichtung eines Betriebskindergartens – es gibt viele Möglichkeiten, wie Unternehmen ihre Attraktivität steigern können“. Fest stehe: „Der Fachkräftemangel könnte die deutsche Wirtschaft Milliarden kosten. Und am stärksten betroffen wird der Mittelstand sein“.
Trotz der aktuell guten Geschäftslage blicken viele Mittelständler sorgenvoll in die Zukunft. Besonders die stark gestiegenen Rohstoffpreise bereiten vielen Unternehmern Kopfzerbrechen: 66 Prozent der Befragten sehen in der Entwicklung der Rohstoffpreise eine Gefahr für das eigene Unternehmen – bei den Industrieunternehmen liegt der Anteil sogar bei 82 Prozent. Kein anderes Thema – weder die steigenden Energiepreise (64 Prozent) oder die Staatsverschuldung (55 Prozent) noch die drohende Inflation (39 Prozent) – bereitet dem deutschen Mittelstand derzeit so große Sorgen.

„Viele Unternehmen leiden derzeit sehr stark unter den Preissteigerungen für Rohmaterialien und Vorprodukte“, beobachtet Englisch. „Die Unternehmen können auf diese Preissteigerungen kaum aus eigener Kraft reagieren und sie nur in sehr begrenztem Umfang an ihre Kunden weitergeben. Das Ergebnis sind sinkende Margen oder gar rote Zahlen – trotz guter Auslastung und voller Auftragsbücher“.

„Der ganz große Preisschub kommt noch“, erwartet Englisch. „Die wachsende Nachfrage aus Ländern wie China oder Indien und die langsame Konjunkturerholung in den Industrieländern wird dazu führen, dass sich die Preisspirale weiter dreht – Deutschlands Mittelständler werden sich wohl an extreme Preissprünge gewöhnen müssen. Und sie werden Wege finden müssen, sich dagegen abzusichern.“

(Redaktion)