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Wirtschaft | Di, 03.12.2013 09:23

Baden-Württemberg 2020: Wettbewerbsfähigkeit nimmt trotz hoher Wirtschaftskraft und vieler Patente ab

Baden-Württemberg ist eine der wirtschaftlich stärksten Regionen Europas, das Land droht jedoch seinen Spitzenplatz zu verlieren, wenn nicht gegensteuert wird. Gelingen kann dies durch eine stärkere Fokussierung der Wirtschaftsförderung, zusätzliche Investitionen in die Infrastruktur, ein aktiveres Engagement im Wettbewerb um Fachkräfte sowie eine zielgerichteten Orientierung auf wirtschaftliche Wachstumsfelder. Dies geht aus der Studie "Baden-Württemberg 2020" hervor. Die Studie hat die Unternehmensberatung McKinsey & Company auf eigene Initiative - also ohne Auftraggeber und Bezahlung - erstellt.


„Damit wollen wir einen Beitrag zur Debatte leisten, wie dieses erfolgreiche Bundesland seine Rolle als Zugpferd der ökonomischen Entwicklung in Deutschland ausbauen kann“, sagte Martin Lösch, Leiter des Stuttgarter McKinsey-Büros, zur Vorstellung der Studie.

Das Land hat McKinsey zufolge eine starke Ausgangsposition: Die Wirtschaftsleistung (Bruttoinlandsprodukt, BIP) pro Einwohner liegt mit 36.000 Euro um zehn Prozent  über dem Bundesschnitt. Die Exportquote der heimischen Unternehmen geht mit 45,3 Prozent ebenfalls über den deutschen Durchschnitt (41,5 Prozent) hinaus. Jeder dritte deutsche Weltmarktführer kommt aus Baden-Württemberg; die Arbeitslosenquote erreicht mit vier Prozent nahezu Vollbeschäftigung, ohne dass eine einzelne Region des Landes als strukturschwach herausfiele.

„Das Land sollte diese hervorragende Position nutzen, um jetzt die Herausforderungen der kommenden Jahre zu meistern“, sagte Martin Lösch. Die Rolle des Südwestens als eines der wirtschaftlichen Zugpferde Europas sei zunehmend infrage gestellt: „Andere Regionen holen auf und überrunden Baden-Württemberg in einzelnen Bereichen.“

Die Studie zeigt: Die geleistete Arbeit pro Einwohner ist im vergangenen Jahrzehnt in Baden-Württemberg um 3,5 Prozent gesunken, während sie in anderen Flächenländern wie Bayern stabil geblieben ist. Das spiegelt sich in der unzureichenden Nutzung des Arbeitskräftepotenzials: Die Erwerbstätigenquote ist in Baden-Württemberg seit der Jahrtausendwende nur um 1,9 Prozent gestiegen, in Bayern hingegen um 2,9 Prozent. Noch alarmierender: Das produzierende Gewerbe hat in diesem Zeitraum in Baden-Württemberg mehr als 50.000 Stellen abgebaut, beim östlichen Nachbarn blieb die Zahl konstant. Auch das jährliche Produktivitätswachstum gehörte mit zwei Prozent im Durchschnitt der vergangenen Jahre nicht zu den europäischen Spitzenwerten (drei Prozent).

„Von den Exporten wiederum gingen nur 25 Prozent in wachstumsstarke Regionen“, berichtete Lösch. Die Mehrheit der Ausfuhren hingegen erreichte stagnierende Märkte wie Westeuropa und Nordamerika.

Die Wachstumschancen des Landes drohen zugleich vom sich abzeichnenden Fachkräftemangel eingebremst zu werden: 200.000 Berufsqualifizierte und Akademiker werden im Jahr 2020 fehlen - bei gleichzeitig geringer wahrgenommener Attraktivität der Region im Urteil der deutschen High-Potentials: In einer McKinsey-Umfrage benannten nur 24 Prozent der Befragten Stuttgart als einen attraktiven Ort zum Leben gegenüber 86 Prozent für München, 81 Prozent für Hamburg, 75 Prozent für Berlin oder immerhin noch 48 Prozent für Düsseldorf.

Um aktiv auf diese Herausforderungen zu reagieren und die starke Stellung Baden-Württembergs für die Zukunft zu festigen, schlagen die Stuttgarter McKinsey-Berater vier Initiativen vor:

Fokussierung der Wirtschaftsförderung: Mit dem Streichen von Doppelungen und klaren Zuständigkeiten und Kompetenzen ließe sich die Schlagkraft der Wirtschaftspolitik ohne wesentliche Ausweitung der Budgets erhöhen. Lösch: „Das Land sollte zudem die ausgezeichnete Forschungsinfrastruktur besser nutzen, um Start-ups und Innovationen gezielter zu fördern.“      

Investitionen in Infrastruktur: Ein umfassender Entwicklungsplan für die Infrastruktur sollte sicherstellen, dass Baden-Württemberg auch in Zukunft die besten Voraussetzungen für Unternehmen und Bürger bietet. „Ein Ziel mit hoher Priorität wäre dabei der Ausbau der Breitband-Infrastruktur, um bis 2017 alle Haushalte mit einer Bandgeschwindigkeit von 50 Mbit pro Sekunde zu versorgen“, so Lösch. Derzeit ist dieser Wert erst für rund 75 Prozent der Haushalte erreicht. Dieser Ausbau würde etwa eine Milliarde Euro in den nächsten vier Jahren erfordern. Weitere Eckpunkte in der Investitionsplanung sollten nach Einschätzung der Berater die Vorbereitung der Energienetze auf schwankende Stromeinspeisungen durch erneuerbare Energien und die Beschleunigung von Verkehrsprojekten sein.      

Strategien im Wettbewerb um Fachkräfte: Um der sich abzeichnenden Lücke an Fachkräften gegen zu wirken, sollte das Land die Betreuungsangebote für Kinder ausbauen und Eltern dadurch bessere Möglichkeiten zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu ermöglichen. Während deutschlandweit für 24 Prozent der Schulkinder eine Ganztagesbetreuung angeboten wird, sind es in Baden-Württemberg nur elf Prozent. Zudem besteht Verbesserungsbedarf in der Schulbildung: Zurzeit landet jeder vierte Schulabgänger in Baden-Württemberg in einem Übergangssystem, statt eine Lehre oder ein Studium zu beginnen. Ein konzertiertes Anwerben qualifizierter Fachkräfte aus anderen Bundesländern und dem Ausland gehören ebenso zu den sinnvollen Maßnahmen gegen den Fachkräftemangel wie eine stärkere Attraktivität des Studienstandorts, vor allem durch wissenschaftliche Exzellenz.      

Neue Wachstumsfelder: Unternehmen in Baden-Württemberg können das Wachstum weiter ankurbeln, indem sie aussichtsreiche Themenfelder besetzen. Im Maschinenbau gehören dazu etwa die so genannten Embedded Systems (in Maschinen integrierte Computer), die Ressourceneffizienz und die gezielte Fokussierung des Exports auf schnell wachsende Schwellenländer wie zum Beispiel Indien oder Brasilien. In der IT-Branche sind es darüber hinaus die digitale Vernetzung und die IT-Sicherheit. In der Automobilindustrie zählen neue Antriebsformen, die Digitalisierung und ebenfalls das Geschäft in Schwellenländern zu den Zukunftsthemen. Und im Bereich Biotechnologie, Pharma und Medizintechnik lassen sich unter anderem durch stärkere Entwicklungspartnerschaften und computergestützte Behandlungsmethoden Wachstumsimpulse setzen.

(Redaktion)