Sign In

Welcome, Login to your account.

Wirtschaft | Mo, 20.12.2010 07:49

Chancen auf eine Lehrstelle: Der Osten überholt den Westen

Viele Jahre war der Mangel an Arbeits- und Ausbildungsplätzen im Osten Deutschlands deutlich größer als im Westen. Für die Ausbildungsplätze trifft dies nicht mehr zu. Doch die Situation ist paradox: So wurden nach den Ergebnissen der Erhebung des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) über die neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge 2010 in Ostdeutschland nur noch rund 91.700 Verträge und damit 7,4 % weniger abgeschlossen als im Vorjahr (Westdeutschland: 468.400; +0,7 %). Und dennoch haben sich die Chancen der ostdeutschen Jugendlichen bei der Suche nach einer Lehrstelle weiter verbessert: Denn die Zahl der Schulabgänger/-innen geht in Ostdeutschland dramatisch zurück. Innerhalb von nur neun Jahren verringerte sie sich um fast 50 % (2010: rund 114.100; 2001: rund 222.500). Dieser Trend wird auch im nächsten Jahr noch anhalten.


Statistisch betrachtet standen im Osten Deutschlands zum Stichtag 30. September 100 Ausbildungsplatznachfragern 94 Ausbildungsplatzangebote gegenüber (2009: 92). Im Westen lagen die Vergleichszahlen niedriger (2010: 89; 2009: 88). Als Folge dieser günstigeren "Angebots-Nachfrage-Relation" waren die Jugendlichen in Ostdeutschland bei ihrer Suche nach einer Lehrstelle auch erfolgreicher als ihre Altersgenossen im Westen. Ende September, mehrere Wochen nach Beginn des neuen Ausbildungsjahres, waren hier noch knapp 10 % der Nachfrager/-innen auf Lehrstellensuche. Dies waren rund 10.000 Jugendliche, darunter 3.800 ohne und 6.200 mit einer alternativen Verbleibsmöglichkeit wie zum Beispiel ein Praktikum oder ein erneuter Schulbesuch. Der Anteil im Westen betrug dagegen fast 14 % (rund 74.600 Jugendliche, darunter 8.500 ohne und 66.100 mit alternativer Verbleibsmöglichkeit).

Der Rückgang der Schulabgängerzahlen in Ostdeutschland ist inzwischen so stark, dass sich die Ausbildungschancen der dortigen Jugendlichen von der jeweiligen Arbeitsmarktlage vor Ort abkoppeln. Die ostdeutschen Jugendlichen haben somit inzwischen selbst dort eine relativ gute Chance auf eine Lehrstelle, wo die Arbeitslosigkeit immer noch sehr hoch ist. Zum besseren Ergebnis auf dem Ausbildungsstellenmarkt im Osten trug aber auch bei, dass Bewerber/-innen ohne betriebliche Lehrstelle viel häufiger als im Westen in überwiegend öffentlich finanzierte, vollqualifizierende Ersatzangebote ("außerbetriebliche Berufsausbildung") einmünden.

Was sich aus Sicht der ostdeutschen Jugendlichen als eine Verbesserung ihrer Lage darstellt, sieht durch die Brille der ostdeutschen Betriebe, die eine Ausbildungsstelle anbieten, ganz anders aus: Ihnen mangelt es an Lehrstellenbewerberinnen und -bewerbern. So hat sich die Zahl der Lehrstellenangebote, die im Osten nicht besetzt werden konnten, in weniger als zehn Jahren mehr als vervierfacht (2010: rund 3.700; 2001: rund 900). Damit konnten die Betriebe im Osten für knapp 5 % ihres Angebotes keine neuen Auszubildenden finden (Westen: 3 %).

Besonders hart traf es dabei Mecklenburg-Vorpommern (11 %) und hier wiederum die an der Ostsee gelegene, vom Tourismus geprägte Region Stralsund (22 %). So blieb dort in den Berufen der Gästebetreuung - zum Beispiel Restaurant- oder Hotelfachleute - jede zweite von den Betrieben angebotene Lehrstelle ohne neuen Auszubildenden.

Aus der Sicht der Jugendlichen betrachtet liegen die größten Problemregionen des Ausbildungsmarktes inzwischen überwiegend im Westen Deutschlands, und hier insbesondere dort, wo die Arbeitslosigkeit hoch (über 10 %) ist. Hierzu zählen zum Beispiel die Arbeitsagenturbezirke Bremerhaven, Wuppertal, Recklinghausen, Oberhausen und Gelsenkirchen. Im Durchschnitt blieben hier 21 % der Ausbildungsplatznachfrager bei ihren Bewerbungsversuchen erfolglos - obwohl die Beratungs- und Vermittlungsdienste ihnen bescheinigt hatten, die Voraussetzungen zur Aufnahme einer Berufsausbildung mitzubringen.

Der Westen profitierte zwar von der Überwindung der Wirtschaftskrise, und in diesem Jahr standen den westdeutschen Jugendlichen auch mehr Angebote gegenüber als in den letzten drei Jahren. Aber der Rückgang der Schulabgängerzahlen ist in Westdeutschland bei weitem noch nicht so stark ausgeprägt wie im Osten. Somit fällt der Entlastungseffekt im Westen bislang noch weit geringer aus als in den neuen Ländern.

(Redaktion)