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Wirtschaft | Do, 19.03.2015 09:38

Deutsche Wirtschaft wächst kräftig – keine Anzeichen für Überhitzung

Die deutsche Wirtschaft wird ihr derzeit kräftiges Wachstum zunächst fortsetzen und ihre Kapazitäten nahezu voll auslasten. Im laufenden Jahr soll sie um 2,2 Prozent und im kommenden Jahr um 1,9 Prozent wachsen, prognostizieren die Konjunkturexperten des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin). Anzeichen für eine Überhitzung sehen die Experten nicht, da wichtige Absatzmärkte wie der Euroraum und die chinesische Wirtschaft sich nur schwach entwickeln.


Nach einem kräftigen ersten Halbjahr 2015 dürfte die deutsche Wirtschaft ihre Produktionskapazitäten nahezu auslasten und dann mit Raten zulegen, die ihrem Potenzialwachstum entsprechen. Getragen wird das Wachstum in erster Line vom privaten Konsum, vor allem gestützt auf den Arbeitsmarkt, wo sich der Beschäftigungsaufbau fortsetzt. Für 2015 rechnen die Experten mit rund 300.000 zusätzlichen Jobs und einer Arbeitslosenquote von 6,4 Prozent, für kommendes Jahr mit rund 200.000 neuen Stellen und einer Quote von 6,1 Prozent. Die befürchteten negativen Beschäftigungswirkungen des Mindestlohnes sind bislang ausgeblieben. Die Löhne dürften weiter spürbar steigen und die Leistungsausweitungen im Bereich der Rentenversicherung sorgen vorübergehend für einen kräftigen Einkommensschub; beides kurbelt den Konsum zusätzlich an. Kaufkraftsteigernd wirke auch der deutlich gesunkene Ölpreis: Die privaten Haushalte werden nach DIW-Einschätzung die entstandenen Spielräume zumindest zum Teil für andere Konsumausgaben nutzen. Die Inflationsrate dürfte in diesem Jahr bei 0,5 Prozent liegen, im kommenden Jahr bei 1,2 Prozent.

Die zuletzt kräftigen Bauinvestitionen werden, vor allem aufgrund sich eintrübender Renditechancen im Wohnungsbau, an Schwung verlieren. Auch die Investitionen der Unternehmen in Ausrüstungen legen – wegen der weiterhin eingetrübten Absatzperspektiven im Außenhandel – nur verhalten zu und bleiben in Relation zum Bruttoinlandsprodukt unter dem Vorkrisenniveau. Die Exporte werden nach DIW-Einschätzung merklich steigen, wenngleich mit geringerem Tempo als in den Vorkrisenjahren. Im Umfeld der kräftigen Binnenkonjunktur ziehen die Importe ebenfalls spürbar an; deswegen dürfte der Außenhandel insgesamt nur wenig zum Wachstum beitragen. Wegen der stark gesunkenen Einfuhrpreise steigt der Leistungsbilanzüberschuss auf achteinhalb Prozent in diesem und im kommenden Jahr.

Die Einnahmen des Staates expandieren kräftig. Die Entwicklung von Löhnen und Gewinnen lässt die direkten Steuern, der Aufbau sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung die Sozialbeiträge und die kräftige Entwicklung des privaten Konsums die indirekten Steuern spürbar zunehmen. In beiden Jahren werden die öffentlichen Haushalte daher nach DIW-Schätzung mit deutlichen Überschüssen abschließen. Die Zeiten sich stetig verbessernder öffentlicher Finanzen sind aber wegen des gelockerten Ausgabekurses vorbei: In diesem Jahr liegt der Überschuss bei 15 Milliarden Euro, 2016 sind es eineinhalb Milliarden weniger. Vor allem die Transferausgaben und andere konsumtive Ausgaben nehmen weiter kräftig zu, die zusätzlichen Impulse bei den öffentlichen Investitionen sind geringer. In Relation zum Bruttoinlandsprodukt liegt der Überschuss in beiden Jahren bei etwa einem halben Prozent.

Die Weltwirtschaft wird gemäß der Prognose der DIW-Konjunkturexperten in diesem und im kommenden Jahr um jeweils etwa vier Prozent wachsen. Das Expansionstempo wäre damit weiterhin etwas schwächer als vor der Weltfinanzkrise, zieht aber im Vergleich zu den vergangenen drei Jahren merklich an. In einigen Industrieländern, insbesondere in den USA und dem Vereinigten Königreich, ist die Konjunktur robust. Stützend wirken neben der bis auf weiteres expansiv ausgerichteten Geldpolitik auch die deutlich gesunkenen Ölpreise. Die Expansion in wichtigen Schwellenländern wie China oder Brasilien dürfte hingegen an Schwung verlieren. Im Euroraum bleibt das Wachstum niedrig; bei Raten von 1,3 Prozent im laufenden und 1,5 Prozent im kommenden Jahr kann er die Krise nur allmählich hinter sich lassen. Zwar steigt wegen der deutlich gesunkenen Energiekosten die Kaufkraft der privaten Haushalte. Vom Außenhandel sind aber – trotz des schwachen Euro – keine nennenswerten Impulse zu erwarten und die Investitionen dürften nur nach und nach anziehen: Zwar verbessern sich die Finanzierungsbedingungen; insbesondere in den Krisenländern steht für viele Unternehmen aber der Schuldenabbau weiterhin ganz oben auf der Prioritätenliste. Die sehr niedrigen Inflationsraten oder gar deflationäre Entwicklungen in einzelnen Ländern erschweren den privaten und öffentlichen Schuldenabbau und belasten die Konjunktur, da die Unternehmen mit geringen Preissetzungsspielräumen und die Regierungen mit bröckelnden Steuereinnahmen konfrontiert sind. Auch das neue Anleihekaufprogramm der Europäischen Zentralbank dürfte wegen des ohnehin bereits sehr niedrigen Zinsniveaus nur begrenzte Auswirkungen auf Konjunktur und Preisentwicklung haben.

Die Risiken für die wirtschaftliche Entwicklung bleiben aus Sicht der Berliner Konjunkturexperten hoch: Sowohl politische Unstimmigkeiten über die Fortsetzung der Reformen in den Krisenländern des Euroraums als auch eine Zuspitzung im Konflikt zwischen Russland und der Ukraine könnten zu Verwerfungen an den Finanzmärkten führenden. Gleiches gilt für eine plötzliche oder stärker als erwartete Anhebung der US-Leitzinsen, die zu Kapitalabflüssen aus den Schwellenländern und zu einer massiven Korrektur der Vermögenswerte in den Industrieländern führen könnte. Speziell für den Euroraum besteht zudem weiterhin das Risiko eines Abrutschens in eine Deflation, die den Abbau der Schulden erschweren und damit dämpfend auf die Nachfrage wirken würde.

(Redaktion)