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Unternehmensnachfolge | Fr, 28.06.2013 13:39

Die Tochter im Chefsessel - Wie erfolgreiche Unternehmensnachfolge aussehen kann

Die Unternehmensnachfolge ist ein Dauerbrenner. Den meisten Unternehmern liegt daran, den Betrieb in Familienhand zu belassen – was zunehmend eine echte Herausforderung darstellt. Kommt da eine Tochter als Nachfolge in Frage? Ja – sagte Winzer Horst Sauer. Diese Entscheidung trägt nun Früchte.


Für Sandra Sauer war immer schon klar, dass sie den Beruf der Winzerin erlernen wollte. Nach der Lehre in einem anderen Betrieb, dem Studium und Auslandsaufenthalt ist sie seit 2004 auf dem elterlichen Weingut in Escherndorf (Nähe Würzburg) angekommen. Und fühlt sich als gleichberechtigte Entscheiderin und zukünftige Leiterin sehr wohl. „Die Leidenschaft ist eine wichtige Voraussetzung. Eine solche Aufgabe lässt sich nicht aufzwingen“, sagt die junge Frau.

Der Generationenwechsel ist hier in beeindruckender Weise gelungen: Die Familie bewirtschaftet gemeinsam 24 Hektar Verkaufsrebfläche und füllt jährlich 220.000 Flaschen ab. Ohne Rangordnung, dafür Hand in Hand und mit der schrittweisen Betriebsübergabe. Stärken bündeln, nach und nach Verantwortung übergeben, Neuerungen akzeptieren – dieser Prozess hat sich längst als erfolgsbringend herausgestellt. „Wir arbeiten voller Begeisterung auf ein attraktives Produkt hin. Dabei geht es um ein gesundes Gleichgewicht. Wir wollen Werte sichern und trotzdem Trendsetter sein“, betont Horst Sauer.

Den Betrieb an die nachfolgende Generation abzugeben in dem Bewusstsein, dass die bisherige Leistung gewertet wird, die Tradition zählt und dennoch moderne Perspektiven einfließen – das liegt den beiden Weinliebhabern am Herzen. Sandra Sauer: „Was die Eltern über Jahrzehnte aufgebaut haben, gilt es zu bewahren. Und das in Einklang zu bringen mit den eigenen Vorstellungen.“

Eine ungewöhnliche Erfolgsgeschichte, denn obwohl junge Frauen heute hervorragend qualifiziert sind und Management- und Führungsqualitäten mitbringen, sind Töchter als Nachfolgerinnen eher exotisch denn alltäglich. „Ein verschenktes Potenzial“, sagt Kerstin Ott von seneca Corporate Finance. Die Diplom-Kauffrau berät und begleitet Unternehmen, die ihre Nachfolge gestalten. Ihrer Erfahrung nach ist der Wunsch, den Betrieb innerhalb der Familie weitergeben zu können, sehr groß. Laut Statistiken findet das de facto jedoch in nur 45 Prozent aller Fälle statt. „Töchter werden oft überhaupt nicht in Erwägung gezogen. Gut 80 Prozent der Unternehmensübergaben erfolgen an Männer.“

In der Männerdomäne Weinbau sind erste Veränderungen spürbar und sichtbar: „Ich kenne viele Töchter, die zur Übernahme bereit sind. Durch die mechanisierten Prozesse ist die Arbeit heute auch von Frauen gut zu bewältigen“, erklärt Sandra Sauer. Die Weinfrauen in Deutschland seien auf dem Vormarsch. Zumal viele in der Branche dankbar wären, überhaupt eine Nachfolge auszumachen, um die aufgebauten und meist erfolgreichen Betriebe weiterzuführen: „Eine Weingutleitung zu finden ist relevanter als deren Geschlecht.“

Horst Sauer hat seine Tochter daher langsam in das Thema hineinwachsen lassen. Erst wurde Neugierde geweckt, dann das Wissen vertieft. Inzwischen gilt auf den Weinbergen eine spannende Arbeitsteilung: Der Winzer kümmert sich um die edelsüßen Weine, die Tochter um Rotweine und Weißburgunder. Die Hauptproduktion – nämlich die trockenen Weißweine – verantworten sie derzeit noch gemeinsam. „Zwei Zungen schmecken besser als eine. Optimal ist es daher, die Erfahrungen des Vaters mit den eigenen Kenntnissen und dem notwendigen Blick über den Tellerrand zu verbinden“, weiß Sandra Sauer.

Die weibliche Unternehmensnachfolge als Zukunftsmodell? „Die Frauen erobern die Chefsessel, es ist eine erfreuliche Entwicklung wahrnehmbar“, prognostiziert Kerstin Ott. Zwar herrschten derzeit noch eher die althergebrachten Vorstellungen in der Nachfolgeregelung vor, weibliche Nachkommen seien immer noch mehr „Notlösung“ als Wunschkandidatinnen. Untersuchungen zeigen: In den Nachfolgeplänen der Eltern spielen Frauen immer noch eine eher untergeordnete Rolle. Nur etwa jedes zehnte Familienunternehmen wird tatsächlich von einer Tochter übernommen.

„Doch die Zeiten ändern sich langsam. Immer mehr Töchter melden ihren Anspruch auf die Geschäftsführung an, da sie sich die Führungsrolle auch bewusst zutrauen.“ Otts Ziel sei es, einerseits noch mehr Frauen für die vielfältigen Möglichkeiten einer Nachfolgegestaltung zu sensibilisieren und andererseits den Unternehmen das ungenutzte Potenzial zu eröffnen. Eine notwendige Aufgabe – schließlich sind jährlich etwa 22.000 deutsche Betriebe mit insgesamt 287.000 Beschäftigten betroffen. Dass sich die Nachfolgeproblematik weiter verschärft, zeigt nicht zuletzt der Blick auf den demografischen Wandel.

Unternehmensübergabe mit Hand und Herz: Auf dem Weingut Horst Sauer setzten alle Beteiligten auf eine gesunde Streit- und Diskussionskultur und den ehrlichen, direkten Umgang miteinander. Erfahrungen zeigen: Gerade in Betrieben, wo Familienmitglieder auf begrenztem Raum miteinander arbeiten und leben, bleiben zwischenmenschliche Reibereien nicht aus. Sandra Sauer: „In Stresssituationen reagiert man durchaus emotionaler als gegenüber einem Außenstehenden. Wir versuchen dann, schnell wieder einen Konsens zu finden und nicht nachtragend zu sein.“ Dieses Erfolgsrezept habe jeder inzwischen verinnerlicht.

Und es funktioniert! Dass diese Zusammenarbeit in Escherndorf im wahrsten Sinne des Wortes reichhaltige Früchte trägt, beweisen auch die zahlreichen Prämierungen der letzten Jahre. Mit Mut und Selbstbewusstsein zeigt sich das Duo Sauer auch in internationalen Wettbewerben erfolgreich. So soll es vorerst weitergehen, in etwa fünf Jahren könnte dann die komplette Betriebsübergabe erfolgen. Sandra Sauer: „Den richtigen Zeitpunkt werden wir erspüren.“

(Redaktion)