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| Di, 16.08.2011 15:18

Mein Sohn! Meine Tochter! Mein Nachfolger? - Wenn Unternehmer-Kinder ihren eigenen Weg gehen

„Papa, es tut mit leid. Ich werde das Unternehmen nicht weiterführen. Ich habe andere Pläne.“ Diese Worte fürchten viele Unternehmer, einige treffen sie wie der sprichwörtliche Blitz aus heiterem Himmel. Was dann folgt, sind meist große Emotionen und lange Diskussionen. Begriffe wie Familien-Tradition, Lebenswerk, Erbe oder Herzblut werden bemüht, um den potenziellen Nachfolger doch noch zum Umdenken zu bewegen. Selbst das schlechte Gewissen wird mit dem Hinweis, wie undankbar man sei, und dass man mit dieser Entscheidung die Familie im Stich lasse, zum Komplizen der Eltern. Doch Druck, Zwang und Aussagen wie, „ich habe es geschafft, du schaffst es ebenfalls“ oder „uns liegt die Unternehmensführung im Blut“ bringen wenig. Die Schließung des Betriebes ist darum nicht selten das Ergebnis einer halbherzigen, fehlerhaften und illusorischen Nachfolgeplanung.


Dazu muss es nicht kommen. Wer sein Unternehmen auch zukünftig in guten Händen wissen möchte, sollte sich vor allem rechtzeitig mit der Nachfolge beschäftigen. „Mit Anfang 50 ist für Firmenchefs ein geeigneter Zeitpunkt sich erste Gedanken zu machen, ob der Betrieb weiterhin in Familienhand bleibt oder ob man sich nach Alternativen umsehen sollte“, erklärt Kerstin Ott, Expertin für Unternehmensnachfolge bei seneca Corporate Finance. Die Kinder, traditionell die erste Wahl, sind meist schon alt genug, um selbstständig einschätzen zu können, ob ihnen der Beruf als Unternehmer Spaß macht bzw. ob sie sich in der Lage sehen, ihn auszuüben. Erfahrungen im elterlichen Betrieb haben sie bis dahin ja schon meist durch Jobben in den Ferien oder neben der Schule gesammelt. „Bei den ersten Gesprächen im Familienkreis sollte es allerdings nicht darum gehen, die Nachfolge bereits fest zu regeln. Viel wichtiger ist es, persönliche Standpunkte, eigene Vorstellungen und individuelle Wünsche, sowohl der Eltern als auch der Kinder, offen anzusprechen. Tendenzen können hierbei schon sichtbar werden und für die weitere Planung hilfreich sein“, so Kerstin Ott.

Soweit der Idealfall. Doch diese Gespräche werden verschoben und verdrängt. Früher, weil mit der Geburt des Sohnes die Nachfolge und somit der Fortbestand des Unternehmens für den Firmeninhaber so gut wie geklärt war. Heute, weil die elterlichen Nachfolgewünsche als zu große Einmischung in die Lebenswege der Kinder gewertet werden. Dies belegt eine Studie der Friedrich-Schiller-Universität Jena zum Thema „Innerfamiliäre Nachfolge in Unternehmen“. Eltern sind demnach oft gehemmt, ihre Meinung und Wünsche bezüglich der Nachfolge frei zu äußern. Sie wollen die Kinder nicht unter Druck setzen oder gehen einfach davon aus, dass der Sohn oder die Tochter schon übernehmen wird. Dieser Wunsch ist aber nicht selten stärker als der Wille der nachfolgenden Generation.

Ob sich Unternehmerkinder für oder gegen die Nachfolge entscheiden, hängt aber auch von der Rolle der Eltern ab. Denn: Der Nachwuchs erlangt durch deren tägliche Beobachtung tiefe Einblicke in die Anforderungen des Berufs und die damit notwendigen Fähigkeiten des Unternehmers. Kommt beispielsweise der Vater jeden Tag erst spät nach Hause, ist gestresst und unzufrieden mit Mitarbeitern, Lieferanten oder Kunden, prägt das frühzeitig die Einstellung zur Nachfolge. Die Vorteile des eigenständigen, selbstbestimmten Handelns rücken dann schnell in den Hintergrund und es werden eher die große zeitliche Belastung, die Verantwortung gegenüber den Mitarbeitern und das finanzielle Risiko gesehen.

Diese Herausforderungen liegen nicht jedem. Eine gewisse Grundeignung zum Unternehmer ist deshalb notwendig. Wer schon zur Schulzeit das Amt des Klassensprechers ausübte und für seine Klassenkameraden Verantwortung gegenüber den Lehrern übernahm, wird sich vermutlich auch in der Rolle des Firmenchefs leichter tun. Zudem sollten die potenziellen Nachfolger neben der fachlichen Qualifikation auch Flexibilität, Spaß am Wettbewerb, Risikobereitschaft, und Entscheidungsfreude mitbringen. Wer diese Eigenschaften nicht mitbringt, ist vermutlich in einem Angestelltenverhältnis besser aufgehoben und sollte nicht den Wünschen und Drängen der Eltern nachgeben.

Es ist für Unternehmer deshalb ratsam, sich bei der Entscheidungsfindung von der engen Verknüpfung des Unternehmens mit der Familie weitestgehend zu lösen. „Die Familie muss auf einen potenziellen Nachfolger eine externe Sicht entwickeln und auf dieser Basis die Anforderungen an das Profil des zukünftigen Geschäftsführers festlegen. Im zweiten Schritt sollte dann anhand dieses „Katalogs“ geprüft werden, ob Familienmitglieder die Kriterien objektiv erfüllen und die Aufgabe auch übernehmen wollen“, sagt Kerstin Ott.

Generell geht es bei der Entscheidung über das richtige Betätigungsfeld immer um die größte Übereinstimmung der grundlegenden persönlichen Eigenschaften und Neigungen mit den Anforderungen des Jobs. Je größer der gemeinsame Nenner ist, umso besser stehen die Chancen, im zukünftigen Beruf Erfolg und Erfüllung zu erfahren. Manche Kinder bringen vielleicht alle erforderlichen Voraussetzungen zum Unternehmer mit und haben daran auch Freude. Allerdings sehen sie ihre Zukunft nicht im elterlichen Bauunternehmen, sondern z.B. in der Modebranche. Auch wenn es den Eltern schwerfällt: Der Berufswunsch ist eine individuelle Entscheidung jedes Menschen, die sein Umfeld letztlich zu akzeptieren hat.

Ist die Entscheidung der Kinder gegen eine Nachfolge im eigenen Unternehmen gefallen, heißt es Alternativen zu suchen. Wichtig für die Senior-Chefs: Eine andere Lösung als die interne Übergabe bedeutet keinerlei Gesichtsverlust, sondern zeugt von Verantwortungsbewusstsein gegenüber den Mitarbeitern und wahrem Unternehmertum. Zudem ist man mit dieser Entscheidung bei Weitem nicht alleine.  Laut Institut der deutschen Wirtschaft werden bundesweit überhaupt nur noch 44 Prozent der Familienunternehmen an Kinder, Enkel oder Neffen übertragen.

Die Mehrzahl der Unternehmen wird demnach von Externen übernommen. Wenn nun ein Verkauf oder die Besetzung der Geschäftsleitung mit einem fremden Management erwogen wird, um für sich, das eigene Unternehmen und die Mitarbeiter die beste Lösung zu finden, sollte ein unabhängiger Experte hinzugezogen werden. Dieser kann zahlreiche Möglichkeiten, von denen der Unternehmer vielleicht noch keine Kenntnis hatte, aufzeigen und professionell beraten. „Unüberlegte oder schnelle Entscheidungen nützen dabei niemanden. Eine erfolgreiche und nachhaltige Unternehmensübergabe braucht Zeit und einen kühlen Kopf. Dann wird man für alle Beteiligten ein gutes Ergebnis erzielen“, sagt Kerstin Ott.

Kerstin Ott ist seit 2002 als Projektleiterin im Bereich Financial Advisory Services für die seneca Corporate Finance GmbH (ehem. Rödl & Partner) tätig. Zu ihrem fachlichen Schwerpunkten gehören Unternehmensanalyse, Business Pläne, Unternehmensbewertungen sowie die allgemeine Transaktionsberatung. Weitere Informationen sind unter www.seneca-cf.de abrufbar.

(Redaktion)