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Wirtschaft | Fr, 23.07.2010 10:01

Ministerpräsident Mappus stellt Ergebnisse des Gutachtens „Wirtschaftliche und technologische Perspektiven der baden-württembergischen Landespolitik bis 2020“ vor

„Unser künftiger Wohlstand hängt von der Wettbewerbsfähigkeit unserer Wirtschaft ab. ,Innovationspolitik’ ist Kern unserer Politik. Wir brauchen Antworten auf die Frage, wo unsere besten Wachstums- und Beschäftigungschancen in diesem Jahrzehnt liegen. Fundierte Entscheidungen brauchen einen längerfristigen Horizont, eine Richtschnur, wohin die Reise gehen soll“, erklärte Ministerpräsident Stefan Mappus anlässlich der Präsentation der Ergebnisse eines von McKinsey & Company und dem Institut für Angewandte Wirtschaftsforschung (IAW) erstellten Gutachtens „Technologien, Tüftler und Talente. Wirtschaftliche und technologische Perspektiven der baden-württembergischen Landespolitik bis 2020“.

Ministerpräsident Stefan Mappus (2.v.l.) mit Umweltministerin Tanja Gönner (l.) und Vertretern von McKinsey und dem Institut für Angewandte Wirtschaftsforschung (IAW) bei der Pressekonferenz am Donnerstag (22. Juli 2010). (Quelle: StM BW)

Ministerpräsident Stefan Mappus (2.v.l.) mit Umweltministerin Tanja Gönner (l.) und Vertretern von McKinsey und dem Institut für Angewandte Wirtschaftsforschung (IAW) bei der Pressekonferenz am Donnerstag (22. Juli 2010). (Quelle: StM BW)


Zusammen mit Umwelt- und Verkehrsministerin Tanja Gönner, Wissenschaftsminister Prof. Peter Frankenberg und Wirtschaftsminister Ernst Pfister stellte der Ministerpräsident im Forschungsinstitut für Kraftfahrwesen und Fahrzeugmotoren Stuttgart (FKFS) die Ergebnisse der Studie vor, mit der McKinsey und das IAW in Tübingen am 21. April 2010 vom Staatsministerium beauftragt worden waren. Diese Woche wurde das Gutachten im Ministerrat vorgestellt. „Auf Grund der intensiven Vorarbeiten des Innovationsrates unter der Leitung von Dr. Eberhard Veit und Prof. Dr. Ernst Messerschmid und der termingerechten Arbeit der Gutachter konnte innerhalb von drei Monaten eine aktuelle Situationsanalyse und eine gute Basis für Entscheidungen der Landesregierung erarbeitet werden“, sagte Ministerpräsident Stefan Mappus.

Laut Gutachten verfügt Baden-Württemberg über eine hervorragende Ausgangssituation und zeichnet sich als Wirtschaftsstandort durch eine hohe technologische Leistungsfähigkeit aus. „Mit rund 34.000 Euro liegt Baden-Württem-berg gemessen am Bruttoinlandsprodukt pro Kopf auf Platz drei hinter Bayern und Hessen. Auch im internationalen Vergleich mit einer Gruppe von 13 ehrgeizigen und wachstumsstarken Benchmarkregionen liegt Baden-Württemberg im oberen Mittelfeld“, erklärte Dr. Detlev Mohr, Office-Manager McKinsey & Company Stuttgart. Gründe für die gute Ausgangssituation seien die hohe Exportorientierung, der starke Automobil- und Fahrzeugbau, die mittelständische Wirtschaft mit Stärken vor allem im Maschinen- und Anlagenbau und der Elektrotechnik sowie der hervorragende Forschungsstandort Baden-Württemberg.

McKinsey und das IAW Tübingen stellten in ihrer Analyse fest, dass sich die wirtschaftliche Dynamik in den letzten Jahren abgeschwächt hat. Dies wird von den Gutachtern sowohl durch geringeres Wachstum der Produktivität in Kernbranchen als auch durch geringeres Wachstum des Arbeitsvolumens, gemessen an Wochenarbeitszeiten und Erwerbstätigenquote, erklärt. „Baden-Württemberg hat als Wirtschafts- und Technologiestandort eine herausragende Ausgangssituation, wird sich aber weiter anstrengen müssen, diese zu behalten“, erklärte Dr. Mohr.

Anhand von Modellrechnungen kommen die Gutachter zu dem Schluss, dass ein Wirtschaftswachstum in Baden-Württemberg bis 2020 in der Größenordnung von 2,5 bis 3,0 Prozent pro Jahr liegen müsste, um die gute Position unter den Spitzenregionen zu halten. Ministerpräsident Mappus: „Das ist ein sehr ambitioniertes Ziel, an dem wir gemeinsam mit der Wirtschaft hart arbeiten müssen.“

Ein Wirtschaftswachstum in der genannten Höhe würde - so die Gutachter - bis 2020 rund 500.000 Arbeitsplätze von Ingenieuren, anderen Hochschulabsolventen und Facharbeitern, voraussetzen und zugleich zusätzlich ermöglichen. „Dies bedingt aber auch, dass diese Fachkräfte gefunden oder ausgebildet werden. Das ist eine große Herausforderung für das Land, seine Unternehmen und Ausbildungsstätten. Die demographische Entwicklung wird die Zahl der Erwerbstätigen zurückgehen lassen und Fachkräfte werden schon heute vielerorts gesucht“, erklärte Dr. Bernhard Boockmann, wissenschaftlicher Geschäftsführer des IAW in Tübingen.

Um die zusätzlichen 500.000 Arbeitsplätze im Land zu schaffen, empfiehlt das Gutachten, „berufstätige Frauen bei der Erhöhung ihrer Arbeitszeit zu unterstützen“. Dies könne u.a. durch die weitere Förderung von ganztägiger Kinderbetreuung geschehen.

Im Bereich der beruflichen Bildung sollten die Abbrecherzahlen durch die Verstärkung des externen Ausbildungsmanagements und der Kompetenzagenturen gesenkt werden. Auch in den Studiengängen der MINT-Fächer (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) an den Hochschulen sollten Maßnahmen zur Reduzierung der Abbrecherquoten ergriffen werden.

Die Gutachter schlagen vor, die Wirtschafts- und Technologiepolitik des Landes stärker als bisher auf vier Schwerpunktthemen zu fokussieren: Nachhaltige Mobilität, Umwelttechnologie und Ressourceneffizienz, Gesundheit und Pflege sowie IT in Produkten (Embedded Systems, also z. B. Airbagsteuerungen oder intelligente Operationswerkzeuge) und IT-Dienstleistungen. „Über diese Bestätigung freuen wir uns. Bereits in der Regierungserklärung am 10. März 2010 wurden diese Themen als künftige Wachstumsbereiche in Baden-Württemberg gesehen“, erklärte Ministerpräsident Mappus.

Zusammenfassend könnte - so die Gutachter - die Förderung der vier Schwerpunktthemen zu einer zusätzlichen jährlichen Bruttowertschöpfung von etwa 50 bis 80 Milliarden Euro bis 2020 beitragen. Die Gutachter betonten, dass die Fokussierung auf die vier Schwerpunktthemen keineswegs bedeute, dass der Rest der baden-württembergischen Wirtschaft unwichtig sei. Dr. Detlev Mohr: „Baden-Württemberg verfolgt zu Recht das Ziel, eine solide Haushaltspolitik zu betreiben. Daher kommt es unseres Erachtens besonders darauf an, mit den vorhandenen Mitteln effektiv Akzente zu setzen.“

Die Automobilindustrie sei - so die Gutachter - der große Wachstumstreiber der vergangenen Jahre gewesen. Die Frage der Sicherstellung einer nachhaltigen Mobilität werde auch für die Zukunft des Landes eine entscheidende Rolle spielen: Effizientere Verbrennungsmotoren, Hybrid- und Elektrofahrzeuge sowie intelligente Verkehrssysteme stellen die wichtigsten Wachstumskerne dar.

Eine Empfehlung der Gutachter lautet, das Thema Nachhaltige Mobilität in einer Organisation zu bündeln, die die vielen Akteure in diesem Bereich koordiniert, einen einheitlichen Markenauftritt erzielt und Forschung und Wirtschaft noch stärker zusammenführt. Wirtschaftsminister Pfister: „Mit der Gründung der e-mobil BW GmbH, der neuen Landesagentur für Elektromobilität und Brennstoffzellentechnologie, haben wir bereits einen großen Schritt in diese Richtung beschritten. Hier ist vor allem auch die enge Zusammenarbeit z.B. mit dem landesweiten Netzwerk automotive-bw vorgesehen und ganz entscheidend.“

 „Technik, die die natürlichen Ressourcen schont und die Umwelt möglichst wenig belastet, wird einer der Erfolgsfaktoren für Industrieunternehmen im kommenden Jahrzehnt sein“, so Nelson Killius, Partner von McKinsey & Company.

Umwelt- und Verkehrsministerin Gönner teilte die Einschätzung der Gutachter, dass Baden-Württemberg als Umwelttechnologie-Standort besondere Wachstumschancen besitze: „Im Umwelttechnologie-Bereich und dem Themenfeld Ressourceneffizienz liegen mit geschätzten 30 bis 45 Milliarden Euro Zuwachs der jährlichen Wertschöpfung bis 2020 die größten Wachstumschancen. Daher hat die Landesregierung auch bereits beschlossen, eine Landesinitiative Umwelttechnik und Ressourceneffizienz zu entwickeln und ein Umwelttechnik- und Innovationszentrum einzurichten. Hier sind wir auf einem sehr gutem Weg.“

 „Der Wissens- und Technologietransfer zwischen Forschung und Unternehmen sollte noch reibungsloser laufen“, erklärte Dr. Boockmann vom IAW. Hier schlagen die Gutachter z.B. eine einheitliche Anlaufstelle für den Technologietransfer im Land, insbesondere für kleinere und mittlere Unternehmen, vor.

Ebenso wird empfohlen, dass das Land in Forschung und Ausbildung die vier genannten Schwerpunktthemen bevorzugt fördern sollte, z.B. durch die Stärkung der Bedeutung von Elektronik, Elektrochemie sowie softwaregesteuerter Komponenten im Automobil- und Maschinenbau. Hierzu führte Wissenschaftsminister Frankenberg aus, dass „diese Schwerpunktthemen für die wirtschaftliche Entwicklung Baden-Württembergs zweifellos von zentraler Bedeutung sind, dies aber dennoch nicht zur Vernachlässigung anderer Forschungsthemen, vor allem der Grundlagenforschung führen dürfe“. Gerade hier werde oft durch wissenschaftliche Erkenntnissprünge die Basis für wirtschaftliche Dynamik gelegt.

(Redaktion/StM)