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Wirtschaft | Mo, 14.03.2011 08:10

Mittelstandsbarometer: Gute Noten für Standort Deutschland

Die Zufriedenheit der deutschen Mittelständler mit dem Standort Deutschland erreicht im Zuge des starken Wirtschaftsaufschwungs eine neue Höchstmarke. Auch für die Rahmenbedingungen in ihrer Region finden die Unternehmer überwiegend lobende Worte. Während allerdings die Zustimmung zur Bildungs-, Förder- und Mittelstandspolitik auf ein Rekordniveau steigt, vergeben die Unternehmer deutlich schlechtere Noten für die Infrastrukturpolitik – wohl ein Resultat der Diskussionen um das Bahnprojekt „Stuttgart 21“. Das sind Ergebnisse des „Mittelstandsbarometers 2011“ der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft Ernst & Young. Die Studie wird halbjährlich durchgeführt, ihr liegt eine Umfrage unter 3.000 mittelständischen Unternehmen in Deutschland zugrunde.


Deutschlands Mittelständler fühlen sich am Standort Deutschland sehr wohl: 77 Prozent der mittelständischen Unternehmen halten die bundesweite Politik für den Standort Deutschland für gut oder eher gut. Damit erreicht die Zufriedenheit der Unternehmen einen neuen Höchststand. Im vergangenen Jahr hatten sich 69 Prozent lobend geäußert, 2005 lag der Anteil hingegen beispielsweise nur bei 10 Prozent.

Auch die regionalen Rahmenbedingungen für Unternehmen in Deutschland werden so gut bewertet wie seit Beginn der Befragungen im Jahr 2003 nicht. Fast neun von zehn Unternehmern (89 Prozent) sind mit den Gegebenheiten vor Ort zufrieden. Zum Vergleich: Im vergangenen Jahr lag der Anteil bei 84 Prozent, im Krisenjahr 2009 bei 76 Prozent.

„Die Unternehmer honorieren, dass Deutschland so gut durch die Wirtschaftskrise gekommen ist und dass die deutsche Wirtschaft sich so spektakulär gut entwickelt“, kommentiert Peter Englisch, Leiter Mittelstand und Partner bei Ernst & Young. Und er ergänzt: „Die Stimmung hat sich sowohl im In- als auch im Ausland vollkommen gewandelt: Im Ausland bestaunt man das deutsche Jobwunder und die Kraft, mit der sich Deutschland zur Wachstumslokomotive Europas entwickelt hat. Und in Deutschland haben die Unternehmer ein neues Selbstbewusstsein entwickelt: Man sieht wieder die Vorzüge und Stärken des Standorts. Von den früheren Klagen über den Hochlohnstandort Deutschland und die angebliche deutsche Basarökonomie ist nichts mehr zu hören. Und ein Ende des deutschen Aufschwungs ist nach wie vor nicht absehbar“.

Englisch warnt aber vor Euphorie: „Auch wenn der Standort Deutschland sich als sehr krisenfest erwiesen hat und sich mit seinem überdurchschnittlichen Wachstum positiv von vielen anderen europäischen Ländern abhebt: Die Herausforderungen, denen der Standort ausgesetzt ist, haben eher noch zugenommen, die Konkurrenz vonseiten der aufstrebenden Schwellenländer wird weiter an Intensität gewinnen, der Wettbewerb wird härter“. Eine Lektion aus der Wirtschafts- und der anschließenden europäischen Schuldenkrise laute: „Weniger wettbewerbsfähige Länder werden gnadenlos abgestraft und fallen zurück – eine wirtschaftliche Erholung im Kielwasser des weltweiten Aufschwungs wird zukünftig kaum noch möglich sein. Denn die Globalisierung produziert nicht nur Gewinner – sie produziert vielmehr eine stetig wachsende Zahl hungriger Wettbewerber“.

Für Deutschland heiße das: „Deutschland ist ein Premiumstandort, dessen Stärken im Bereich innovativer, zukunftsweisender Produkte liegen. Von hier aus müssen neue Technologien vorangetrieben werden, und die heimischen Unternehmen müssen in puncto Qualität und Innovationskraft führend bleiben“. Voraussetzung dafür sei aber eine exzellente Qualifikation und Motivation der Arbeitskräfte, so Englisch. „Deutschlands weltweite Führungsposition bei der Qualität von Forschung und Entwicklung ist nicht in Stein gemeißelt. In China und Indien verlassen immer mehr hervorragend qualifizierte Ingenieure die Hochschulen. Und der Zustand des deutschen Bildungssystems gibt Anlass zur Sorge. Nur mit einer deutlichen Steigerung der Qualität von Bildung und Ausbildung kann die Innovationskraft Deutschlands erhalten werden“. Englisch warnt daher vor Selbstzufriedenheit: „Es wäre verheerend, wenn Deutschland sich angesichts der derzeit guten Konjunkturdaten auf seinen Lorbeeren ausruhen würde – Schulterklopfen ist nicht angebracht“.

Die Zufriedenheit der Unternehmer mit den Rahmenbedingungen in ihrer Region erreicht in diesem Jahr mit 89 Prozent eine neue Rekordmarke – 2010 lag der Anteil bei 83 Prozent, im Jahr 2005 äußerten sich hingegen nur 55 Prozent positiv über ihren Standort. Am zufriedensten sind die Unternehmer in Bayern: Der Freistaat belegt in drei von vier Kategorien den ersten Platz im Bundeslandranking, in einer Kategorie reicht es immerhin für den zweiten Rang. Mit den allgemeinen Rahmenbedingungen im Freistaat sind 93 Prozent der Unternehmer zufrieden (Platz 1 vor Baden-Württemberg und Hessen). Ebenfalls den ersten Platz belegt Bayern in der Kategorie „Bildungspolitik“ mit einer Zustimmungsquote von 81 Prozent. Hinter Bayern rangieren Baden-Württemberg und Hessen auf den Plätzen zwei und drei. In der Kategorie „Förderpolitik“ belegt Bayern gemeinsam mit Niedersachsen den ersten Platz vor Baden-Württemberg. Auch für seine „Mittelstandspolitik“ erhält die bayerische Landesregierung die besten Noten – vor Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz, die sich den zweiten Platz teilen. Nur in der Kategorie „Infrastruktur“ schiebt sich Hamburg knapp vor Bayern.

Ebenfalls deutlich besser als im vergangenen Jahr schneiden Hamburg, Hessen und Mecklenburg Vorpommern ab. Nur in Schleswig-Holstein und in Sachsen-Anhalt ist die Zufriedenheit zurückgegangen.

Während in den Bereichen Bildungspolitik, Förderpolitik und Mittelstandspolitik ein klarer Aufwärtstrend zu sehen ist und die Zufriedenheit der Unternehmer jeweils in den meisten Bundesländern gestiegen ist, trifft die Infrastrukturpolitik in der Mehrheit der Länder auf geringere Zustimmung als im Vorjahr. Der Anteil der uneingeschränkt positiven Bewertungen sinkt im Vergleich zu 2010 von 53 auf 41 Prozent. Nur in einem Bundesland (Rheinland-Pfalz) ist die Zustimmung gestiegen – alle anderen Länder bekommen ein schlechteres Zeugnis ausgestellt. Am stärksten betroffen sind Schleswig-Holstein und Baden-Württemberg: Baden-Württemberg fällt im Länderranking vom zweiten auf den siebten Platz zurück, Schleswig-Holstein vom 13. auf den 16. Platz.

Grund für die gesunkene Zufriedenheit mit der Infrastrukturpolitik ist nach Englisch‘ Ansicht vor allem die Diskussion um das Bahnprojekt ‚Stuttgart 21‘: „Viele Unternehmer machen sich Sorgen, dass große Infrastrukturprojekte zukünftig kaum noch umsetzbar sein werden“, berichtet Englisch. „Dabei ist es von großer Bedeutung für die wirtschaftliche Entwicklung und Zukunft der Regionen und die Wettbewerbsfähigkeit des Industriestandorts Deutschland insgesamt, dass Deutschland über eine zeitgemäße Verkehrsinfrastruktur verfügt. Auch der Ausbau erneuerbarer Energien wird einen erheblichen Umbau der Infrastruktur voraussetzen – und voraussichtlich auf weitere Proteste betroffener Bürger stoßen“.

(Redaktion/EY)