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Vermischtes | Fr, 02.07.2010 10:12

Rund 1.000 Gäste bei „Vielfalt statt Einfalt“ mit Dr. Vandana Shiva - Jeder muss ein Saatgutbeschützer sein

„Ich mag euer Logo“, so lautete der erste Satz von Dr. Vandana Shiva auf dem Marktplatz des Alb-Gold Kundenzentrums am gestrigen Abend. „Es zeigt alles, was es zum Leben braucht: die Sonne und das Getreide“, so die indische Trägerin des alternativen Nobelpreis zur Eröffnung ihrer Rede bei der Informationsveranstaltung zum Thema Lebensmittel und Landwirtschaft ohne Gentechnik. Rund 1.000 Gäste waren an diesem lauen Hochsommerabend gekommen, um gespannt dem Erfahrungsbericht von Dr. Vandana Shiva zu folgen. Die weltweit gefragte Gentechnikexpertin forderte mit allem Nachdruck eine Abkehr vom Einsatz der Grünen Gentechnik.

Dr. Vandana Shiva ist eine weltweit gefragte Expertin zum Thema und setzt sich in ihrer Heimat und global für die Sicherung der Nahrungsmittel und den Erhalt der vielfältigen Ernährungsmöglichkeiten ein. In Trochtelfingen berichtete sie an diesem Abend von ihren Erfahrungen. (Foto: Tabea Knabe)

Dr. Vandana Shiva ist eine weltweit gefragte Expertin zum Thema und setzt sich in ihrer Heimat und global für die Sicherung der Nahrungsmittel und den Erhalt der vielfältigen Ernährungsmöglichkeiten ein. In Trochtelfingen berichtete sie an diesem Abend von ihren Erfahrungen. (Foto: Tabea Knabe)

Rund 1.000 Gäste kamen am 30. Juni nach Trochtelfingen um Dr. Vandana Shivas Vortrag „Vielfalt statt Einfalt“ zu hören. (Foto: Tabea Knabe)

Rund 1.000 Gäste kamen am 30. Juni nach Trochtelfingen um Dr. Vandana Shivas Vortrag „Vielfalt statt Einfalt“ zu hören. (Foto: Tabea Knabe)


Live-Musik und indischer Tanz stimmte die Gäste bereits ab 18 Uhr bei einem Markt mit kulinarischen Genüssen auf den Abend ein. Der Erlös aus Speisen und Getränken, bereitgestellt durch regionale Hersteller, kam der Stiftung von Vandana Shiva und ihrem Projekt Navdanya (dt. neun Saaten) zu Gute. Darin setzt sie sich unter anderem für die Sicherung von Saatgut traditioneller Nahrungspflanzen und deren Anbaumethoden ein. Aufgestockt durch die beteiligten Firmen „spendeten“ die hungrigen und durstigen Gäste des Abends einen Betrag von rund 2.000 Euro.

Pünktlich um 20 Uhr begrüßte dann Alb-Gold Firmenchef Klaus Freidler die Anwesenden. Für ihn sei es wichtig, den Verbrauchern die Möglichkeit zu geben, sich zum Thema Agro-Gentechnik zu informieren. Kritik übte er an der Politik und an den Medien, aus deren Reihen leider nur sehr wenig oder keine Informationen zur Thematik kommen würden. Dass keiner der eingeladenen Politiker der Einladung zur Veranstaltung folgte, unterstreicht dies zusätzlich. Als Lebensmittelhersteller trägt er mit seinem Unternehmen aber eine große Verantwortung, um mit natürlichen Produkten einen Baustein für die gesunde Ernährung zu leisten. Transparenz, Information und Aufklärung hätten dabei ebenfalls einen sehr hohen Stellenwert.

Nach dem Nudelhersteller richtete Ulrich Gundert, Leiter der Programmabteilung bei Brot für die Welt, einige Worte an die Besucher. Die Aktion der kirchlichen Entwicklungszusammenarbeit unterstützt die Arbeit von Vandana Shiva bereits seit über 20 Jahren. Vor allem geht es dabei um den Erhalt, die Verbreitung und die Weiterzucht von traditionellem Saatgut. Gundert betonte, dass auch die politische Arbeit von Navdanya unterstützt würde. Im Bereich Patentierung von Pflanzen hat man gemeinsam einige Erfolge in Indien erzielt und so den Bauern zur Unabhängigkeit verholfen. Seiner Meinung nach ist nicht die viel zitierte Ernährungssicherheit das Ziel der Gentechnik-Konzerne, sondern die Patentierung von Tieren und Pflanzen, um damit eine Abhängigkeit der Landwirtschaft zu erreichen.

Gegen 20:30 Uhr wurde dann mit großem Applaus der Ehrengast aus Indien auf der Bühne begrüßt. Im „Jahr der Biodiversität“ stand der Vortrag von Dr. Vandana Shiva unter dem Motto „Vielfalt statt Einfalt“. Shiva berichtete unter anderem, dass in ihrer Heimat mittlerweile rund 90 Prozent der angebauten Baumwolle gentechnisch manipuliert sei. Innerhalb von acht Jahren hat die so genannte „BT-Baumwolle“ die etwa 1500 unterschiedlichen heimischen Baumwollarten beinahe vollständig verdrängt. Eine Folge davon seien von den Konzernen abhängige Baumwollbauern, die sich vor allem stetig steigenden Saatgut- und Pflanzenschutzmittelpreisen gegenüber sehen würden. Immer mehr Bauern werden dadurch in den Ruin und schlimmstenfalls in den Selbstmord getrieben.

Für die Umweltaktivistin ergibt sich die Schönheit der Erde aus der Vielfalt. Wie können wir diese Schönheit für Monokulturen hergeben, stellte sie die Frage ins Publikum. Monokulturen seien eine Art von „militärischem Pflanzenanbau“, bei dem sich diese nicht frei entfalten könnten, sondern verarmt und in einheitliche Strukturen gepresst dahin vegetierten. Die Qualität dieser Pflanzen und der daraus gewonnenen Rohstoffe für die Lebensmittelherstellung entspricht nicht den Ansprüchen, die der menschliche Körper habe. Diese Lebensmittel hätten ihrer Meinung nach nicht mehr den Sinn, die Menschen zu ernähren, sondern seien nur noch Mittel zum Zweck des Handels. Mit den Worten „Jeder muss ein Saatgutbeschützer sein“ forderte sie die Zuhörer auf, selbst aktiv zu werden und für Artenvielfalt zu sorgen.

Die Vielfalt sei zudem der beste Weg Krankheiten zu verhindern. Dies gelte sowohl für die Ernährung, als auch für die Landwirtschaft. In der Natur gibt es eine Vielzahl von Pflanzen, die Stoffe zur Insektenbekämpfung oder zum Pflanzenschutz produzierten. Chemikalien aus Laboren bedarf es dafür nicht. Als Beispiel nannte sie den Niembaum, der in Indien als heilig betrachtet wird. Dieser Baum spielt auch im Kampf gegen die Patentierung von Pflanzen eine große Rolle. Seit 1985 wurden mehr als 90 Patente auf Wirkeigenschaften und Extraktionsverfahren von Niemprodukten angemeldet. Shiva wies in diesem Zusammenhang darauf hin, dass die Patente keineswegs auf Erfindungen einzelner Personen oder Firmen beruhten, sondern dass sie bestenfalls die Funktionsweise von Biomaterial belegen würden. Mit der „Neem Campaign“ ging sie rechtlich gegen diese Biopiraterie vor und gewann schließlich nach einem 11 Jahre dauernden Prozess die Freiheit für den Niembaum zurück.

Im Schlussteil ihres Vortrages zeigte die Gentechnikkritikerin nochmals deutlich auf, worum es bei der Ausbreitung der Agro-Gentechnik geht. Lediglich vier Arten von gentechnisch veränderten Pflanzen werden derzeit weltweit in großem Stil angebaut. Mit gentechnisch veränderter Baumwolle, Mais, Soja und Raps lassen sich Milliarden verdienen. Dies vor allem dadurch, dass die Landwirte in eine Abhängigkeit von den Großkonzernen getrieben werden. Die Preise für Saatgut, Pflanzenschutz und vor allem die Patentgebühren steigen immer weiter. Den Besuchern gab sie am Ende einen Tipp mit auf den Weg: Gute Nudeln - aus Rohstoffen ohne Gentechnik - zu essen ist nicht nur ausgezeichnet für die Ernährung, sondern auch ein politischer Akt für Wahlfreiheit und Artenvielfalt.

(Redaktion)