Sign In

Welcome, Login to your account.

Wirtschaft | Fr, 30.09.2011 13:27

Studie: Optimiertes Working Capital Management könnte im deutschen Mittelstand 115 Milliarden Euro Liquidität freisetzen

Die Konjunkturprognosen für die kommenden Jahre gehen weiterhin von einem nachhaltigen Wachstum der deutschen Wirtschaft aus. Der deutsche Mittelstand benötigt jedoch bis 2013 rund 50 Milliarden Euro an Kapital, um weiter wachsen zu können. Eine anhaltende restriktive Kreditvergabe der Finanzinstitute sorgt aber für ein beschränktes Liquiditätsangebot.


Dabei könnte ein optimiertes Working Capital Management im deutschen Mittelstand ein ungenutztes Liquiditätspotenzial in Höhe von 115 Milliarden Euro freisetzen. Das ist das Ergebnis der Studie "Cash for Growth" von Roland Berger Strategy Consultants und Creditreform. Die Studie basiert auf den Daten über das Liquiditätsmanagement von über 500 Unternehmen aus den Jahren 2008 bis 2011.

"Das Working Capital Management der meisten Unternehmen hat sich in den vergangenen Jahren deutlich verbessert", sagt Roland Schwientek, Partner bei Roland Berger Strategy Consultants, "doch es besteht noch ein erhebliches Verbesserungspotenzial. Wenn Unternehmen es schaffen, die Kapitalbindungsdauer weiter zu reduzieren, können sie einen Großteil ihres erforderlichen Finanzierungsbedarfs abdecken und somit weiter wachsen."

Bis 2013 werden mittelständische Unternehmen in Deutschland einen Gesamtliquiditätsbedarf von rund 50 Milliarden Euro haben. Davon sind 25 Milliarden Euro dem Umsatzwachstum zuzuschreiben; die restlichen 25 Milliarden Euro werden durch eine verlängerte Kapitalbindungsdauer verursacht. "Wachstum bedeutet für Unternehmen, dass Bestände wie Kapitalvorräte und Forderungen gegenüber den Kunden proportional zum Umsatz wachsen", erläutert Michael Bretz, Leiter der Wirtschaftsforschung bei Creditreform. "Erhöht sich die Kapitalbindungsdauer der Unternehmen, so erhöht sich auch die gebundene Liquidität. Dies erzeugt wiederum Liquiditätsbedarf."

Zwar hat sich in den vergangenen Jahren die Kapitalbindungsdauer in deutschen Unternehmen leicht verbessert - allen voran in Großunternehmen. Blieb 2009 das gebundene Kapital noch durchschnittlich 46 Tage in einem Großunternehmen, so waren es 2010 nur noch 43 Tage. Hingegen lag die durchschnittliche Kapitalbindungsdauer im deutschen Mittelstand im Jahr 2010 immer noch bei 54 Tagen - eine leichte Verbesserung im Vergleich zu den 57 Tagen von 2009. "Großunternehmen haben eine viel größere Verhandlungsmacht und können vorteilhaftere Zahlungsziele bei den Dienstleistern durchsetzen", sagt Roland Schwientek von Roland Berger. "Außerdem haben Großunternehmen die Bedeutung eines professionellen Working Capital Management klarer erkannt."

Hinzu kommen die Kapitalgeberanforderungen: "Bei Großunternehmen mit umfassender Rechnungslegung sind Liquiditätskennzahlen oft ein wichtiger Teil des Kreditvertrags, wie etwa bei Covenants", so Michael Bretz von Creditreform. "Da wundert es kaum, dass deutsche Großunternehmen beim Thema Kapitalbindungsdauer viel besser abschneiden als mittelständische Firmen." Das gilt vor allem für Unternehmen aus der Telekommunikationsbranche - 2010 war bei ihnen das Kapital im Schnitt gerade mal 19 Tage gebunden. Mit deutlichem Abstand folgt der Handel mit einer durchschnittlichen Kapitalbindungsdauer von 43 Tagen. "Insbesondere das verbesserte Forderungsmanagement und auch die überdurchschnittliche Verbesserung im Verbindlichkeitsmanagement (Lieferantenzahlungen) sind dafür ausschlaggebend", erläutert Schwientek. Am schlechtesten schneiden der Pharma- (86 Tage) und der Bekleidungssektor (90 Tage) ab. "Der große Unterschied zu den Best Performern kommt vor allem aus den hohen Beständen und Vorräten ", analysiert Roland Schwientek.

Der erhöhte Liquiditätsbedarf deutscher Unternehmen hat verschiedene Gründe. Zunächst müssen Firmen mit ihrem Kapital den eigenen Umsatz vorfinanzieren. Aber nicht nur dies, sagt Michael Bretz: "Oft ergeben sich attraktive Investitionsmöglichkeiten, die eine größere Liquidität voraussetzen. Auch Anpassungen der Finanzstruktur nach einer Rezessionsphase verlangen nach Kapital. Das Problem ist, dass der hohe Liquiditätsbedarf oft mit dem beschränkten Angebot auf dem Markt kollidiert." So kämpfen Unternehmen aufgrund der verschärften Eigenkapitalvorschriften mit einer restriktiven Kreditvergabe der Banken: Das Finanzierungsvolumen verkleinert sich, während die Finanzierungskosten steigen. Hinzu kommt der erschwerte Zugang der Unternehmen zu externem Eigenkapital. Die Folge: "Die Liquiditätsengpässe können das Unternehmenswachstum stark gefährden - vor allem im Mittelstand - hier ist Cash King!", sagt Schwientek.

Um einem Wachstumsstopp aus Liquiditätsgründen entgegenzuwirken, raten die Experten von Roland Berger und Creditreform zu einer gezielten Optimierung des Working Capital Management. So könnte der deutsche Mittelstand durch eine bessere Kapitalnutzung bis 2013 rund 115 Milliarden Euro freisetzen. "Mit diesem Kapital könnten mittelständische Firmen ihren Finanzierungsbedarf von 50 Milliarden Euro bis 2013 problemlos abdecken", so Bretz. "Reduziert ein Unternehmen seine Kapitalbindungsdauer um acht Prozent, so kann es mit der freigesetzten Liquidität eine Umsatzsteigerung von zehn Prozent finanzieren", ergänzt Schwientek." Das größte Potenzial zur Verbesserung des Working Capital liegt dabei in der Reduzierung der Vorräte, gefolgt von einer Optimierung des Kundenforderungsmanagements.

(Redaktion)