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Wirtschaft | Mi, 06.04.2011 08:20

Trotz Aufschwungsprognosen: Bevölkerung und Manager misstrauen angeblichem Ende der Krise

Die Politik begünstige den Finanzsektor mehr als den Steuerzahler und werde die Krise nicht in den Griff bekommen – so lässt sich die mehrheitliche Stimmung in der Bevölkerung und unter Top-Entscheidern zusammenfassen. Zu diesem Ergebnis kommen zwei neue Studien der Universität Hohenheim (Stuttgart) im Auftrag der ING-DiBa AG (Frankfurt).


„Zwischen der politischen Kaste und dem Volk bildet sich ein tiefer Graben“, sagt Prof. Dr. Claudia Mast, Professorin für Kommunikationswissenschaft und Journalistik an der Universität Hohenheim. „Eine weitere Kluft entsteht zwischen der Finanzbranche und der übrigen Wirtschaft, der sog. Realwirtschaft.“

Laut zweier Studien ihres Lehrstuhls bezweifeln mehr als die Hälfte der Bevölkerung (53,7 %) und zwei Fünftel der Entscheider aus Real- und Finanzwirtschaft (40,5 %), dass die Politik die Krise auf den Finanzmärkten in den Griff bekommen wird. Sie attestieren ihr stattdessen mangelnde fachliche Kompetenz, um die Strategien der Finanzbranche zu durchschauen, heißt es in der Studie der Universität Hohenheim. Knapp 60 bzw. 64 % der Befragten beider Seiten weisen auf diesen Mangel an Fähigkeiten und Wissen in der Politik hin. Darüber hinaus misstrauen sie dem Willen der Politik, die Finanzbranche zur Lösung der Krise „an die Kandare“ zu nehmen.

Vor allem die Bevölkerung ist hier besonders skeptisch. Knapp drei Viertel der Bürger (74,0 %), aber auch mehr als die Hälfte der Entscheider (51,2 %) glauben, dass die Politik die Interessen des Finanzsektors mehr im Blick hat und stärker berücksichtigt als die der Steuerzahler.

Die beiden repräsentativen Umfragen für die Studie der Universität Hohenheim bestätigen das tiefe Misstrauen der Bürger und Entscheider gegenüber Politik und Finanzwirtschaft. Eine gemeinsame Lösung der Finanzkrise scheint den Befragten in weiter Ferne zu sein.

Die Bürgerinnen und Bürger bezweifeln dabei noch stärker als die Führungskräfte in den Unternehmen den Willen und die Lösungskompetenz von Politikern und Bankmanagern. Doch auch bei den Entscheidern zeigt sich eine tiefe Skepsis. Mehr als jeder Zweite ist der Überzeugung, dass Banken und Versicherungen aus der Finanzkrise nicht gelernt haben. Knapp drei Viertel der Bevölkerung sind der gleichen Auffassung.

Dieses Misstrauen wiegt schwer, weil mehr als die Hälfte der Bürger und der Entscheider die Finanzbranche samt Politik verantwortlich machen, den Stein zur Krise ins Rollen gebracht zu haben. Bezahlen müssen ihrer Ansicht nach hingegen andere dafür. Allen guten Konjunkturdaten und Aufschwungprognosen zum Trotz glauben mehr als drei Viertel der Entscheider und knapp 60 % der Bevölkerung, dass die Realwirtschaft durch die Finanzkrise Nachteile hat. Der Steuerzahler wird als der Zahlmeister für das aus den Fugen geratene Finanzsystem und die exorbitanten Boni der Finanzmanager wahrgenommen.

Für die zukünftige Entwicklung der Wirtschaft sind dies trübe Aussichten. „Weder die breite Bevölkerung noch die Führungsmannschaft der Unternehmen glauben noch an die fachlichen Fähigkeiten und den Durchsetzungswillen der Politiker“, sagt Claudia Mast. Laut Studie haben sie kein Grundvertrauen mehr – nicht in die Lösungskompetenz der Politik und schon gar nicht in das gesellschaftliche Verantwortungsbewusstsein der Finanzbranche.

„In dieser Situation des Misstrauens und des Umbruchs kommt es auf die Medien an“, fordert Claudia Mast. Denn sie würden das Scharnier zwischen Wirtschaft, Gesellschaft und Politik bilden. Für die Entscheider seien vor allem Wirtschaftsmedien eine zentrale Anlaufstelle für Informationen über Fakten und Einschätzungen über Entwicklungen.

Für die Studien wurden 1.000 Personen ab 14 Jahren und 252 Top-Entscheider aus Real- und Finanzwirtschaft befragt. Erhebungszeitraum war Dezember 2010 sowie Januar und Februar 2011.

(Redaktion/Uni Hohenheim)