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Wirtschaft | Fr, 04.02.2011 14:45

Umfrage zur Bewältigung der Finanzkrise: Bevölkerung hegt Skepsis gegenüber Politik und Finanzwirtschaft

Trotz guter Konjunkturlage glauben die meisten Bürger (54 %) nicht, dass die Politik die Finanzkrise in den Griff bekommen wird. Fast zwei Drittel (64 %) sind der Meinung, der Politik fehle es an fachlicher Kompetenz, um die Strategien der Finanzunternehmen zu durchschauen. Dies sind Ergebnisse einer repräsentativen Bevölkerungsumfrage im Rahmen einer Gemeinschaftsstudie des Fachgebiets Kommunikationswissenschaft und Journalistik der Universität Hohenheim und der ING-DiBa AG (Frankfurt).


Die Entwicklungen in den EU-Staaten, auf den Finanzmärkten und die politischen Maßnahmen zur Eindämmung der Krise sind für die Bürgerinnen und Bürger kaum nachvollziehbar. Daher ist mehr als die Hälfte der Bevölkerung der Überzeugung, dass die Finanzkrise nicht zu bändigen ist. Nur jeder Vierte traut der Politik zu, dauerhaft größeren Einfluss auf die Wirtschaft und die Banken zu gewinnen.

Schonungslos äußern die befragten Bürger ihre tiefen Zweifel an der fachlichen Kompetenz des politischen Personals. Und fast drei Viertel der Bevölkerung (72 %) gehen davon aus, dass die Banken und Versicherungen nichts aus der Krise gelernt haben und „business as usual“ betreiben. 52 % sind sogar überzeugt, dass die Finanzbranche sich nicht um politische Vorgaben der Regierung kümmern will, sondern Mittel und Wege in der globalisierten Welt finden wird, weiterzumachen wie bisher.

Die Ergebnisse belegen die tiefe Skepsis und das Misstrauen der Bürger in den Finanzsektor, der massive Hilfen von der Politik erhalten hat und jetzt zum Teil wieder Rekordgewinne erzielt. Entsprechend wenig erwarten die Bürger von der Politik: Drei Viertel der Befragten gehen davon aus, dass sie die Interessen des Finanzsektors mehr berücksichtigt als die der Steuerzahler (74 %).

Die Bürger sehen jedoch klar, dass diese Krise nicht nur zu ihren Lasten geht, sondern dass auch die Realwirtschaft, vor allem die Industrieunternehmen, Nachteile hat. Als Verursacher der Krise haben weit mehr als die Hälfte der befragten Bürger – neben der Finanzbranche – die Politik selbst im Blick. Sie habe die Finanzkrise mit verursacht, sagen 57 % der Befragten.

„Mit leeren Floskeln wie ‚alternativlos‘ oder mit ‚Basta-Politik‘ lässt sich die Bevölkerung immer weniger Sand in die Augen streuen“, sagt Claudia Mast, Professorin für Kommunikationswissenschaft an der Universität Hohenheim. Die meisten Bürger haben kein Grundvertrauen mehr, weder in die Lösungskompetenz der Politik noch in das gesellschaftliche Verantwortungsbewusstsein der Finanzunternehmen.

Die Urteile der befragten Bürgerinnen und Bürger spiegeln ein sensibles Gespür für die verfahrene Situation, gesunden Menschenverstand und vor allem eine grundlegende Skepsis gegenüber Politik und Finanzwirtschaft wider. „Sie wissen, dass es Alternativen gibt, und sie wollen, dass über diese mit ihnen gesprochen wird und ihnen gefährliche Entwicklungen wie auch Lösungswege erklärt werden. Schließlich geht es um ihr hart erarbeitetes Geld“, sagt Prof. Dr. Mast.

Diese schonungslos-nüchterne und kritische Einschätzung des Zusammenspiels von Politik und Finanzwirtschaft bei der Bewältigung der Krise ist in der gesamten Gesellschaft gleichermaßen verbreitet – relativ wenig beeinflusst vom Alter, Beruf oder Wohnort der Befragten. Im Osten Deutschlands ist die Skepsis gegenüber der Politik etwas größer als im Westen der Republik. Was das Alter der Befragten betrifft, sind die 40- bis 60-Jährigen am skeptischsten – sowohl gegenüber der Politik als auch der Finanzwirtschaft.

Über alle Bevölkerungsgruppen hinweg lautet jedoch die Grundaussage der meisten Bürger: Die Finanzbranche hat aus der Krise nichts gelernt und wird Wege finden, politische Vorgaben zu umgehen. Sie macht weiter, als wäre nichts geschehen. Die Politik wird als fachlich weitgehend überfordert eingeschätzt, hat die Krise mit verursacht und bekommt sie nun aber wohl nicht in den Griff.

(Redaktion/Uni Hohenheim)