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| Di, 22.04.2008 14:12

Voller Tank oder voller Teller?

Umweltminister Mörsdorf spricht sich für nachhaltige Biomassenutzung aus: "Keine Konkurrenz zwischen Lebensmittel- und Energiepflanzenanbau im Saarland! Vorhandene Biomasse nutzen und Nutzungspotentiale optimieren"


Nicht der Anbau nachwachsender Rohstoffe sondern die Veränderung der Ernährungsgewohnheiten eines großen Teiles der Weltbevölkerung, nämlich die steigende Nachfrage nach Fleisch, insbesondere nach Geflügel in Asien, führt zu weltweiter Getreideverknappung.  In der Diskussion um die wachsende Konkurrenz zwischen der Nahrungsmittelerzeugung und der Erzeugung von Energiepflanzen mahnt Umweltminister Stefan Mörsdorf jetzt zur Besonnenheit und spricht sich für eine nachhaltige Biomassenutzung im Saarland aus.

„Das Wachsen der Weltbevölkerung und der steigende Wohlstand in Asien führen zwangsläufig zu höherer Nachfrage. Dieser Herausforderung müssen wir uns auch im Saarland stellen. Ziel ist es die landwirtschaftliche Produktion im Saarland beizubehalten, zu stärken und dort, wo es umweltverträglich möglich ist, auch auszubauen“, so der Minister.

Bezüglich der Reform der EU-Agrarpolitik spricht sich das Saarland seit Jahren für eine Entkopplung der Agrarsubventionen und für eine Stärkung des Marktes aus. Hierzu gehört auch der rasche und vollständige Abbau der Exportsubventionen der EU, der USA und Kanadas, die in den letzten Jahrzehnten die Agrarproduktion gerade in Afrika massiv behindert und teilweise völlig zum Erliegen gebracht haben.
 
Durch die gegenwärtige Entwicklung sieht der saarländische Landwirtschaftsminister sich in seiner Haltung zur Frage der Getreideverbrennung bestätigt: Mörsdorf hatte sich seit Jahren konsequent gegen die Verbrennung von Getreide zur Energiegewinnung eingesetzt. „Damals wurde ich sowohl aus den Ländern als auch aus dem Bauernverband heraus für diese Position massiv kritisiert. Jetzt stellt sich heraus, dass diese Haltung richtig ist.“

Vorraussetzung um die landwirtschaftliche Produktion im Land zu erhalten und zu stärken, ist die Erhaltung der landwirtschaftlichen Nutzfläche. Mörsdorf verwies auf die landwirtschaftlichen Vorranggebiete im Landesentwicklungsplan Umwelt. „Kein anderes Bundesland hat so konsequent die für die Agrarproduktion wichtige Fläche landesplanerisch gesichert wie das Saarland.“
Der Flächenverbrauch wurde in den letzten Jahren erheblich reduziert und erreicht im bundesweiten Vergleich die niedrigsten Werte. Durch den Landesentwicklungsplan Siedlung und durch Programme wie „Melanie“ trägt das Land wesentlich dazu bei, dass der Verlust landwirtschaftlicher Fläche zunehmend geringer wird. Auch die saarlandspezifische Ausgestaltung des Ökokontos trägt zu dieser Entwicklung bei. In den letzten Jahren wurden etwa 250 Hektar mehr Fläche durch Naturschutzmaßnahmen wieder in Bewirtschaftung genommen als stillgelegt.

„Angesichts der wachsenden Nachfrage und der weltweiten Verteuerung von Grundnahrungsmitteln ist es eine schwierige Aufgabe, unsere ehrgeizigen Ziele zum Ausbau regenerativer Energien mit den internationalen Weltmarktentwicklungen im Agrarbereich zu vereinbaren. Die Folgen des globalen Klimawandels sprechen eine deutliche Sprache. Wir müssen klimafreundliche Alternativen für die begrenzten fossilen Energien finden, ohne dabei eine Mangelernährung der Menschen oder eine Zerstörung der Regenwälder in Kauf zu nehmen. Ein Ausbau der Biomasse-Nutzung im Saarland muss daher nachhaltig und mit Augenmaß geschehen und vor allem im Einklang mit der bestehenden Nahrungsmittelversorgung stehen“, so Mörsdorf weiter.

Im Saarland sind zurzeit neun landwirtschaftliche Biogasanlagen mit einer Gesamtleistung von 2,6 MW installiert. Weitere Anlagen sind in Planung, so dass in den nächsten Jahren eine Kapazität von ca. 10 MW erreicht werden.

Neben einer begrenzten Steigerung der Anbauflächen für die Produktion von Energiepflanzen im Saarland sprach Mörsdorf sich für eine Optimierung der bestehenden Biomasse-Nutzung aus. Hierzu gehören beispielsweise die energetische Nutzung von Straßenbegleitgrün und der so genannte Landschaftspflegeschnitt sowie die energetische Verwertung von landwirtschaftlichen und nicht-landwirtschaftlichen Reststoffen wie zum Beispiel die Verwertung von Gülle sowie Bio-, Speise- und Schlachtabfällen („Kaskaden-Nutzung“). Biomasse sollte vor allem dort eingesetzt werden, wo eine optimale Energieausbeute möglich ist. Dazu gehört die Einspeisung in das Erdgasnetz, wie sie im Kreis Merzig-Wadern derzeit an zwei Standorten geplant ist, genauso wie Kraft-Wärme-Kopplung auf Biomassebasis. Die Auskopplung von Wärme aus bestehenden Biogasanlagen werde intensiv durch das IZES und das Umweltministerium beispielsweise in Dörrenbach unterstützt. Auch ist es sinnvoll, die Verwertung von Gülle in Biogas-Anlagen zu steigern. Gülle befindet sich auf fast jedem saarländischen Milchvieh-Betrieb, so dass dieses Biomassesubstrat sowohl energetisch eingesetzt als auch anschließend als Dünger genutzt werden kann.

Mörsdorf sagte, dass es im Saarland bislang keinen vergleichbaren Nutzungskonflikt zwischen Nahrungsmittel- und Energiepflanzenproduktion wie in anderen Regionen gäbe: „Ein Teller-Tank-Konflikt und die Frage, ob unsere Landwirte künftig Lebensmittel- oder Energieproduzenten sein werden, hat sich in diesem Maße im Saarland bislang noch nicht gestellt. Die Landesregierung bemüht sich darum, intelligente Konzepte für eine verstärkte Nutzbarmachung der im Land vorhandenen, bislang aber noch nicht ausgeschöpften Biomasse-Potentiale, gemeinsam mit Landwirtschaft und Energiewirtschaft zu entwickeln.“

In diesem Zusammenhang verwies Mörsdorf auf die Initiativen des Umweltministeriums, die Biomasse-Produzenten im Land mit den Akteuren des Energiesektors stärker miteinander zu vernetzen: Das Umweltministerium bereitet derzeit seine Teilnahme am Wettbewerb „Bioenergie-Regionen“ des BMELV vor. Ein weiteres INTERREG-Projekt, das kurz vor dem Abschluss steht, hat die Aufgabe, die Biomasse-Akteure der Großregion, also Saarland, Rheinland-Pfalz, Luxemburg und Lothringen, stärker miteinander zu vernetzen.

Die aktuelle Debatte verdeutlicht nach Auffassung des saarländischen Umweltministers, dass die Landwirtschaft kein Auslaufmodell ist oder sich nur auf Landschaftspflege reduzieren lässt. Moderne und ressourcenschonende Landwirtschaft ist unverzichtbar, um den Herausforderungen einer wachsenden Weltbevölkerung und des Klimawandels zu begegnen.

Hintergrundinformationen
Durch die Verknappung fossiler Energiereserven hat der Anbau von Energiepflanzen für eine energetische Verwertung in den vergangenen Jahren weltweit deutlich zugenommen. Allein in Deutschland ist die Anbaufläche für Energiepflanzen von 2006 auf 2007 von 450 000 Hektar auf 1,75 Millionen Hektar gewachsen. In Deutschland sind die Erzeugerpreise für Getreide im Jahr 2007 um rund 80 Prozent gestiegen: von durchschnittlich 110 Euro auf teilweise sogar über 200 Euro pro Tonne.
Im Saarland ist die Produktion von Energiepflanzen bisher gering. Von den rund 37 500 Hektar Ackerfläche wurden im Jahr 2007 auf rund 22 800 Hektar Brotgetreide angebaut. Auf rund 2800 Hektar wurde Silomais angebaut, der zum Großteil als Viehfutter genutzt wird und auf 3 800 Hektar Ackerfläche wurde Raps für die Öl- und Eiweißfuttermittelherstellung angebaut. Auf den bisher stillgelegten und brachliegenden Flächen (etwa 4500 Hektar) ergeben sich weitere direkte Potenziale für den Energiepflanzenanbau.

Quelle: Ministerium für Umwelt des Saarlandes