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Wirtschaft | Do, 17.11.2011 12:22

Wachstumsfinanzierung bleibt für deutsche Unternehmen eine Herausforderung

Trotz der Abschwächung des Wirtschaftswachstums brauchen deutsche Unternehmen weiterhin frisches Kapital, um ihr Wachstum voranzutreiben. Dafür greifen Unternehmen - vor allem Mittelständler - verstärkt auf Finanzinvestoren und Mittelstandsanleihen zurück. Zudem spielt bei der Auswahl der Finanzierungsinstrumente neben dem Kostenaspekt die Risikobewertung eine große Rolle. Denn die finanzielle Instabilität einiger EU-Länder und die gefährdete Euro-Stabilität haben Unternehmen für Länderrisiken sensibilisiert. Das sind die Ergebnisse der neuen Studie "Herausforderungen für Unternehmen in der Wachstumsfinanzierung im aktuellen Marktumfeld" von Roland Berger Strategy Consultants. Im Rahmen dieser Studie wurden rund 1.200 deutsche Unternehmen befragt.


Obwohl die Unternehmen seit 2009 ihre Profitabilität steigern und die Verschuldung reduzieren konnten, zeigt die anhaltende Eurokrise bereits erste Auswirkungen auf die Realwirtschaft: Eine Abkühlung der Konjunktur zeichnet sich ab. Deutsche Unternehmen sind jedoch immer noch positiv eingestimmt: 54 Prozent von ihnen erwarten bis 2013 ein jährliches Wachstum von 3 bis 10 Prozent. "Wir beobachten im Moment eine Divergenz in den Wachstumserwartungen der Unternehmen", erklärt Sascha Haghani, Partner von Roland Berger und Leiter des Competence Centers Corporate Finance. "Während viele Unternehmen eine skeptische Haltung gegenüber der Entwicklung der Gesamtwirtschaft haben, stehen sie dem eigenen Wachstum positiv gegenüber. Deutsche Unternehmen wollen weiter wachsen. Dafür brauchen sie die entsprechenden Finanzierungen und Strukturen."

Wachstumstreiber für deutsche Unternehmen waren im ersten Halbjahr 2011 wieder die Exporte, vor allem nach West- und Osteuropa. Künftiges Wachstum planen deutsche Unternehmen ebenfalls vor allem im Ausland, wobei in erster Linie Westeuropa (56%), China (40%), Asien (33%) und Osteuropa (25%) als Kernwachstumsregionen gesehen werden. "Um das erforderliche Kapital für ihr Wachstum zu erhalten, setzen deutsche Unternehmen vor allem auf ihre Hausbanken", erklärt Jürgen Müller von Roland Berger. "Vor allem Hausbanken mit Niederlassungen im Ausland werden von fast 65 Prozent der deutschen Unternehmen bevorzugt. Denn eine starke Bindung an eine vertraute Hausbank erleichtert den Firmen den Zugang zu Finanzmitteln auch bei Auslandsinvestitionen." Anders als bei Geschäftsaktivitäten in Asien und Südamerika greift knapp die Hälfte der Befragten in West- und Osteuropa auch auf nationale Finanzierungspartner im Zielland zurück.

Mittelständische Unternehmen greifen jedoch immer öfter auf die Möglichkeit einer Eigenkapitalfinanzierung durch Finanzinvestoren zurück. Ein Trend, der deutlich zugenommen hat. Waren 2010 nur knapp 15 Prozent der Befragten für diese Möglichkeit, so suchen heute rund 80 Prozent der Firmen externe Investoren - allerdings bevorzugen 55 Prozent der Befragten eine Minderheitsbeteiligung. "Mittelständische Unternehmen möchten nur einen begrenzten Anteil ihres Unternehmens an Finanzinvestoren verkaufen. Denn sie möchten die Kontrolle über das eigene Unternehmen nicht verlieren", erklärt Haghani. "Private Equity Investoren streben jedoch in der Regel eine Mehrheitsbeteiligung an. Hier besteht noch viel Potenzial auf beiden Seiten."

Alternativ setzten Mittelständler zunehmend auf Fremdkapitalinstrumente wie Anleihen. Die Einhaltung von Mindestanforderungen, wie etwa ein externes Rating, ist jedoch Voraussetzung, um das Vertrauen der Investoren zu erhalten. "Doch viele Unternehmen nutzen auch den internen Cashflow, um weiter zu expandieren. Im Zuge der letzten Finanzkrise haben viele Firmen gelernt, eine gewisse Unabhängigkeit in der Finanzierung zu wahren und nutzen deshalb ihre eigene interne Finanzierungskraft für ein weiteres Wachstum", so Müller.

Für die Unternehmen stehen bei der Auswahl der einzelnen Finanzierungsinstrumente niedrige Finanzierungskosten (88 Prozent) und ein geringes Risiko (87 Prozent) an oberster Stelle. "Die letzte Finanzkrise sowie die hohe Verschuldung mancher europäischer Staaten haben deutsche Unternehmen zu mehr Vorsicht gezwungen, wenn es darum geht, sich für die richtigen Finanzierungsmittel zu entscheiden", erklärt Haghani.

Vor allem die Problematik der Länderrisiken spielt bei 55 Prozent der Unternehmen eine wesentliche Rolle: "Probleme wie eine hohe Staatsverschuldung, der Ausfall von Forderungen von Kunden und Gläubigern oder mögliche Währungsschwankungen haben direkte Auswirkungen auf die Entwicklung vieler Unternehmen", so Haghani. Davon sind größere mittelständische Unternehmen stärker betroffen, da sie breiter auf internationaler Ebene agieren. Doch aufgrund der zunehmenden Vernetzung der Waren- und Kapitalströme spüren auch kleinere Unternehmen zunehmend die Folgen der Instabilität mancher Länder.

"Rund 70 Prozent der deutschen Unternehmen sichern sich mittlerweile gegen Länderrisiken ab", erläutert Jürgen Müller. "Dafür entscheiden sich 32 Prozent der Firmen für den gezielten Aufbau von Produktionsstätten in den entsprechenden Absatzmärkten, um möglichen Währungsschwankungen entgegenzuwirken." Zusätzlich zu dieser natürlichen Absicherung (Natural Hedge) nutzen außerdem 28 Prozent der Befragten Finanzderivate und 12 Prozent Finanzierungen in der entsprechenden Fremdwährung.

(Redaktion)